Corona in Tansania- der Versuch einer Bestandsaufnahme

CoVid19. Das Virus, das unser aller Leben plötzlich aus dem Alltag gerissen hat. Während wir Deutschen uns die Schweißperlen von der Stirn wischen, weil uns die Corona-Welle bisher verhältnismäßig leicht getroffen hat, ist die Situation in Tansania nicht so leicht einzuschätzen. Dieser Artikel ist ein Versuch die derzeitige Situation in Tansania zu beschreiben. Dabei fiel es nicht immer leicht Fakt von Fehlinformation zu unterscheiden.

Kitenge Maske Kitenge Maske Masken aus Kitenge sind in Tansania derzeit beliebt. Die Bevölkerung ist auf die Masken von Schneidern angewiesen, da importierte Masken meist unaufbringbare Preise haben. [Foto von Msafiri, Msafiri]

Während der Recherche für diesen Artikel ist uns, den Autor_innen, aufgefallen, dass es nicht einfach ist über eine Ausnahmesituation zu berichten, die nicht nur Tansania, sondern auch die ganze Welt miteinschließt. Insbesondere für Tansania ist es sehr schwierig an verlässliche Daten zu gelangen, um eine umfangreiche und adäquate Bestandsaufnahme der Coronalage im Land zu geben. Die wenigen bekannten offiziellen Daten sind höchst zweifelhaft und der restliche Pool an Informationen durch einige Falschmeldungen, verfrühte Schlussfolgerungen – unter anderem auch in deutschen Berichterstattungen – und Panikmache (v.a. auf Social Media) schwer einzuordnen und unabhängig schwer überprüfbar. Zudem sei vorab gesagt, dass die lokale Situation und die Faktenlage rund um das Virus sich ständig ändern, somit bildet dieser Bericht lediglich eine Momentaufnahme der Situation von Mitte/Ende Mai ab. Wir haben uns dazu entschlossen, durch eine Sammlung individueller Erfahrungsberichte einiger Tansanier_innen, sowie durch eine Abwägung der bekannten Informationen, so objektiv wie möglich politische, wirtschaftliche sowie persönliche Berichterstattungen wiederzugeben.

Offiziell liegt die Zahl der Corona-Infizierten in Tansania bei 509 Fällen, wobei 21 Infizierte gestorben und 167 genesen sind (Stand 21.05.2020). Seit dem 07. Mai gab es keine weitere Aktualisierung der Daten oder Äußerung zum Verlauf der Pandemie seitens des Gesundheitsministeriums. Es wird aber ausdrücklich empfohlen, dass bei Möglichkeit sozialer Kontakt vermieden werden soll. Händewaschen und die Nutzung von Desinfektionsmittel seien erforderlich. Seit dem 20. April gibt es eine Maskenpflicht, die in der Öffentlichkeit eingehalten werden muss. Um der Ausbreitung von Falschmeldungen entgegenzuwirken, ist die tansanische Regierung bestrebt, die Oberhand über die Informationen zu behalten. Hierbei greift die Regierung teils rigoros durch. So wurde bereits eine bekannte tansanische Zeitung verboten, sowie einige Menschen verhaftet, die falsche Informationen zur Coronalage in Tansania verbreitet hätten.

John Pombe Magufuli, der derzeitige Präsident von Tansania, äußerte sich zu der CoVid19-Pandemie das letzte Mal am 17. Mai widersprüchlich. Nach ihm sei die Seuche zwar weiterhin da, doch sie komme an ihr Ende. Er sprach sich bereits gegen einen Lockdown aus, dies sei weiterhin insbesondere für Dar es Salaam angesichts der wirtschaftlichen Folgen indiskutabel. Seine Ansprache ist in der Welt kontrovers betrachtet. Oft wird er außerhalb Tansanias als einer der größten Corona-Leugner betitelt. In nächster Zeit möchte er die Quarantänepflicht für Touristen aufzuheben und die Colleges wieder öffnen, da nach ihm die Infektionszahlen weit zurückgegangen seien. Zuvor warnte die US-Botschaft in Dar es Salaam am 12. Mai von einem hohen Ansteckungsrisiko in Tansania vor allem in Dar es Salaam. Die Zahl der Neuinfektionsfälle habe bereits exponentielles Wachstum erreicht. Auch Epidemiolog_innen warnen vor einer hohen Dunkelziffer. Denn es gestaltet sich in Tansania bisher schwierig, flächendeckende und umfangreiche Tests zu machen, um ein realitätsgetreues Abbild der Lage zu bekommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Virus schon weiter verbreitet hat, als die offiziellen Zahlen vermuten lassen.

Die Unsicherheit durch den Mangel an Informationen macht sich auch in der Bevölkerung breit. Daniel aus Njombe, einer Kleinstadt im Süden von Tansania, sagt das die Menschen in seiner Umgebung eher verwirrt und verloren in der Situation sind. „Wir haben keine Ahnung wie die Infiziertenzahl wirklich aussieht, die Regierung ist nicht ehrlich zu uns und wir wissen nicht was wirklich los ist.“ Die meisten Menschen suchen Hoffnung und Vertrauen in Gott und ihrer Religion, auch der Präsident lichtet sich in den tansanischen Medien häufig beim Beten oder in der Kirche ab. Meine ehemalige Gastmutter in Dar es Salaam folgt seinem Beispiel und betet dafür, dass Corona nicht zu ihnen kommt. Auf der Arbeit ihres Mannes sind zwei seiner Kolleg_innen kürzlich verstorben. Ein Zusammenhang mit Corona lässt sich nicht ausschließen. Aber er geht weiter zu Arbeit, denn die Familie ist von seinem Geld abhängig. Da meine Gastmutter selbstständig einen Kindergarten betreibt und dieser – wie alle anderen Schulen und Universitäten seit der Bekanntgabe des ersten Coronafalls in Tansania Mitte März – geschlossen ist, fällt nun ein großer Teil des Familieneinkommens weg.

Ins Internet geschaut scheint die Situation in Tansania tatsächlich nicht dem zu entsprechen, wie der Präsident behauptet. Tansanier_innen posten auf Twitter Videos von „Night time Burials“ in denen Menschen heimlich in der Nacht beerdigt werden, es wird von überfüllten Krankenhäusern berichtet und kaum bis keiner Versorgung für tatsächliche Corona-Patient_innen in Krankenhäusern. Die Menschen seien sogar aus den Krankenhäusern ausgebrochen, aufgrund der schlechten Umstände dort. Auf Twitter wird von mysteriösen Todesfällen in der Familie oder im Freundeskreis berichtet. „Die Angst wird von Sozialen Medien verstärkt.“, merkt Lenin Kazoba aus Dar es Salaam an. Als Vorsitzender der NGO TYC (Tanzania Youth Coalition) informieren er und seine Kolleg_innen in einer Informationskampagne Bürger_innen, wie sie sich am besten vor einer Corona-Infektion schützen und leistet Aufklärungsarbeit. Michael, der in Dar es Salaam wohnt und als Süd-Nord-Freiwilliger ein Jahr in Hamburg lebte, beschreibt die Atmosphäre in Dar es Salaam so: „Die Stadt ist nicht mehr so charmant wie früher, die Straßen sind leerer, vor allem in der Innenstadt, alles ist so langsam und irgendwie traurig.“ Er findet, es solle nicht alles geglaubt werden, was im Internet steht: „Ich denke, dass die Deutschen wissen sollten, dass nicht jeder Artikel oder jede Information, die sie über Corona in Tansania lesen, der Wahrheit entspricht. Sie sollten in erster Linie die Leute fragen, die vor Ort leben“. Doch das Internet hat auch gute Seiten. So findet Tadhi, von Beruf Tänzer, der dort die Möglichkeit hat Online-Tanzkurse oder Live-Performances zu veranstalten, die ihm das nötige Geld zu leben einbringen. „Ich bin nicht sehr besorgt, da die Menschen immer einen Weg finden“. Und auch für andere Menschen hat die Corona-Pandemie nicht nur schlechte Seiten. Msafiri ist von Beruf Schneider und hat mit dem Nähen von Masken, die sich jetzt gut verkaufen, alle Hände voll zu tun.

Ist die Situation also wirklich so dramatisch, ist die Panik und Angst derzeit gerechtfertigt? Michael positioniert sich klar: „Die aktuelle Situation in Tansania ist nicht so schlimm, wie manche Menschen denken. Beim Anschauen der Infizierten und Totenzahl ist das nicht viel.“ Er findet zudem, dass die Regierung alles richtig macht. Zwar hätte sie bei den Grenzschließungen schneller handeln können, jedoch stimmt er dem Präsidenten zu, dass ein Lockdown für Tansania falsch wäre. Auch Tadhi sagt: „Wir können keinen Lockdown haben, viele Menschen sind auf ihre täglichen Einnahmen angewiesen. Wenn sie zuhause bleiben würden, würden sie von der Regierung nicht bezahlt werden und verhungern.“

Einige Menschen finden auch in pflanzlichen Heilmitteln Hoffnung. Bestimmte Pflanzen sollen helfen, die Atemwege von Corona-Viren zu befreien. Durch den Präsidenten wird diese Idee unterstützt. In Tansania, wie in einigen anderen afrikanischen Ländern auch, ist zudem gerade ein pflanzliches, potentielles Heilmittel aus Madagaskar gegen Corona im Gespräch, mit dem auch Tansania demnächst beliefert werden soll. „Die pflanzlichen Heilmittel bringen immerhin Hoffnung ins Land“ sagt Benson aus Dar es Salaam. Er arbeitet für das Jane Goodall Institut.

Obwohl die Lebensumstände in Tansania und in Deutschland so gegensätzlich erscheinen, gleicht sich der Alltag in vielen Hinsichten. Die Straßen sind leerer, Menschen tragen Mundschutz, halten Abstand. Die die es sich leisten können bleiben zuhause.

Wenn Menschen den Worten des Präsidenten trauen wollen, scheint die Situation zurzeit nicht allzu dramatisch und bessert sich sogar. Vor der anstehenden Präsidentschaftswahl 2020 wird diesem nun vorgeworfen, die Situation zu vertuschen und kleinzureden. Doch die Menschen sind größtenteils vorsichtig. Viele Gruppen in ganz Tansania haben sich gebildet, die von Haus zu Haus ziehen, um die Menschen darüber aufzuklären, wie sie sich am besten vor dem Virus schützen. Durch wenig staatliche Unterstützung sind die Menschen größtenteils auf sich allein gestellt. Trotzdem wird optimistisch in die Zukunft geschaut: „Vielleicht ist Corona jetzt auch eine Krankheit, die wie HIV immer bleibt und mit der wir lernen zu leben. Das haben wir schon vorher geschafft.“ sagt Tadhi. Michael meint: „Ich sehe die Zukunft hoffnungsvoll. Ich glaube, dass es etwas geben wird, was uns helfen kann, diese Krise zu beenden.“


Genutzte Quellen zur Recherche:

https://www.bbc.com/news/world-africa-52505375

https://www.bbc.com/news/world-africa-52646640

Tansania Informationen- Mission EineWelt

https://www.bagamoyo.com/index.php?id=907

https://www.luzernerzeitung.ch/international/coronavirus-tote-werden-heimlich-in-der-nacht-beerdigt-wenn-die-massnahmen-gegen-das-virus-schlimmer-sind-als-die-pandemie-ld.1217228?mktcid=smsh&mktcval=WhatsApp

https://www.npr.org/2020/05/11/854115407/tanzanias-president-blames-fake-positive-tests-in-the-spike-in-coronavirus-cases?t=1589791125350

Meldungen aus der Zeitung the Citizen

https://www.thecitizen.co.tz/news/Covid-19--Tanzania-updates-will-resume-after-improvements/1840340-5546520-6p8n9nz/index.html

https://www.thecitizen.co.tz/news/This-is-why-the-Tanzania-s-sugar-crisis-persists/1840340-5551258-br4gg9/index.html

aktuellste Twitterposts von Präsident Magufuli‘s Twitter-Account sowie die des Gesundheitsministeriums

https://www.thunertagblatt.ch/der-groesste-corona-leugner-von-allen-544677652438

https://tz.usembassy.gov/covid-19-information/

http://covid-19-africa.sen.ovh/index.php