Zwischen Verbot und Sicherheit

Leben mit dem Islam. Wie ist es auf einer Insel zu leben, auf der 99% der Bevölkerung dem Islam angehören? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten; dennoch möchte ich hier ein paar Eindrücke und Erfahrungen meiner ersten 4 Monate geben.

Zwei Jungs im traditionellen Kanzu Zwei Jungs im traditionellen Kanzu Bilder wie diese begegnen einem häufig auf Sansibar. Der Kanzu wird von Jung und Alt getragen. Oft wird der Kanzu auch nicht nur zum Gang zur Moschee getragen, sondern auch einfach in der Freizeit. [Foto von Leona Lanninger, Fotorechte liegen bei Leona Lanninger]

Es ist 20 Uhr am Abend. Wie ausgemacht trainieren mein Kumpel Fathil und ich in einem Fitnessstudio am Rande Stonetowns. Es läuft laute Musik, die immer mal wieder durch ein lautes Aufstöhnen oder das Klackern einer Hantel unterbrochen wird. Alles wie gehabt. Plötzlich wird der Besitzer des Studios von einem seiner Kollegen auf etwas hingewiesen. Dieser - gerade mitten in sein Training vertieft - schaut auf sein Handy, rollt kurz mit den Augen und schlendert gemütlich zur Stereoanlage. Die Musik verstummt und für einen kurzen Augenblick auch alle Nebengeräusche. Einige der Männer überprüfen die Uhrzeit auf ihrem Handy, schnappen ihre Handtücher und verlassen schon kurz danach das Fitnesscenter. Nur noch wenige bleiben und trainieren leise weiter. Mit dem ersten Gesang des Muezzins wird dann auch der Grund für das plötzliche Verschwinden der Männer klar. Es ist Gebetszeit. Situationen wie diese gehören genauso zum Alltag auf Sansibar wie das Frühstück oder das Abendessen. Dies liegt daran, dass Sansibars Bevölkerung zu mehr als 99% aus Muslimen besteht. Anders als in Deutschland ist die Religion hier aber fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. Daher war für mich als jemand, der in Deutschland aus eher weniger religiösen Verhältnissen kommt, anfangs vieles sehr fragwürdig und das ist es auch teilweise immer noch. Ich will in diesem Bericht von meinen eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und auch von meiner Meinung berichten. Im Folgenden will ich auf die Einflüsse der Religion auf den Alltag, aber auch auf die öffentliche Sicherheit eingehen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass ich „erst“ seit vier Monaten auf Sansibar bin und manches vielleicht falsch gesehen, falsch aufgenommen oder auch einfach noch nicht verstanden habe. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass ich nach den vier Monaten in der Gastfamilie und auf der Arbeit schon in der Lage bin einen kleinen Einblick in das religiöse Leben Sansibars geben zu können.

Alltag Der Alltag Sansibars ist fest vorgegeben durch den Ruf des Muezzins. Dieser ruft fünf Mal am Tag Gebete, Danksagungen, Koranverse oder einfach nur zum Gebet aus. Die oft sehr kratzigen Aufrufe zum Gebet schallen dann von den häufig sehr veralteten Megaphonen der Minarette (vergleichbar mit dem christlichen Kirchturm) über die Dächer der Städte. Somit beginnt der Tag für viele Sansibaris mit dem ersten Ruf gegen 5:30 Uhr. Danach wird über den restlichen Tag noch drei Mal gerufen, bis dann gegen 21 Uhr zum letzten Mal zum Gebet aufgerufen wird. Wie oben schon beschrieben ist die Zeit während des Gebets heilig. Währenddessen darf keine Musik gespielt werden und laute Unterhaltungen werden ebenfalls ungerne gesehen. Auch die Arbeit wird von manchen Gläubigen unterbrochen, was mitunter zu skurrilen Situationen führt. So kann es zum Beispiel passieren, dass der Frisör mitten im Haarschnitt auf einmal den Laden verlässt und erst nach etwa zehn Minuten wieder auftaucht. Auch wer während der Gebetszeit eine schnelle Beschaffung tätigen will, wird in dieser Zeit seine Probleme haben, da auch die Märkte, auf denen sonst reges Treiben herrscht, oft zum Erliegen kommen. Nicht einmal beim sonst sehr ernst genommenen Fußball wird eine Ausnahme gemacht. Bei kleinen Ligaspielen wird mitten im Spiel abgepfiffen. Die Spieler trocknen sich kurz ab und begeben sich zur nächsten Moschee. Die Religion steht somit bei den meisten weit oben auf der Wichtigkeitsskala. Auch bei Kindern wird sehr häufig großer Wert auf religiöse Erziehung gelegt. In der Schule lernen die meisten Kinder schon früh die Schriften des Korans und während der Schulferien besuchen sie oft die Koranschule. Zum Besuchen der Koranschule wird traditionelle Kleidung getragen (die Jungen einen Kanzu und die Mädchen ein Gewand mit Kopftuch). Aber auch bei der Kleidung der Erwachsenen hat die Religion ein Stück mit zu reden. Einige Frauen verlassen vollverschleiert ihre Häuser. Das gehört nicht zu den religiösen Pflichten, wird aber trotzdem von vielen zur Demonstration ihres Glaubens und auch aus Tradition getragen. Abseits der Vollverschleierung tragen die meisten Frauen ein Kopftuch. Das beginnt schon in sehr jungen Jahren, weswegen bereits weibliche Kleinkinder eine Art Kopftuch aufgesetzt bekommen. Bei den Männern fällt die Kleidungsvorschrift weniger streng aus. Es wird zwar nicht gern gesehen, wenn Männer kurze Hosen, Ohrringe oder Ketten tragen, allerdings wird darauf, nach meiner Beobachtung, nicht allzu sehr geachtet. Was bei beiden Geschlechtern als No-go gilt sind Rasta-Zöpfe. Es ist sehr verpönt auf Sansibar Rastas zu tragen, da diese als Hinweis auf mangelnde Hygiene und Marihuanakonsum gesehen werden. Daher habe ich auch schon erlebt, dass Freunde ihre Rastas in der Öffentlichkeit unter Mützen verstecken und erst bei Anbruch der Dunkelheit zeigen. Alles in allem habe ich das Gefühl, dass durch die Religion viele Einschränkungen das Leben auf Sansibar bestimmen. Die Religion bestimmt vielfach den Alltag, die Kindheit, Jugend und das Zusammenleben der Geschlechter.

Öffentliche Sicherheit Ich denke, die oben beschriebenen strengen Regeln und der Verhaltenskodex geben vielen Menschen und auch mir ein Gefühl der Sicherheit und Ordnung. Anders als in Deutschland sieht man, selbst am Wochenende, keine laut herumstreifenden und womöglich randalierenden Party-Grüppchen. Das liegt zum einen daran, dass es auf der ganzen Insel fast keinen Alkohol zu kaufen gibt, aber auch daran, dass die Jugendlichen einer viel stärkeren gesellschaftlichen Kontrolle und gesellschaftlichen Regeln unterworfen sind als in Deutschland. Zudem ist der Respekt vor den älteren Generationen wesentlich ausgeprägter als in Deutschland. Ich glaube, dass Sansibar ohne diese traditionellen religiösen Strukturen, die vieles festlegen, vorschreiben aber auch verurteilen, ein weit größeres Problem mit der Kriminalität hätte, als es so der Fall ist. Noch dazu kann ich mir vorstellen, dass das Eingebundensein in der Familie und die Identifikation mit dem traditionellen Glauben mehr zur Kriminalitätsprävention beitragen als die vom Staat vorgegebenen Gesetze. Daher muss man, wie ich finde, die für mich anfangs als sehr befremdlich empfundene, sehr umfangreiche Ausübung der Religion aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen deutet sie auf das Leben in einer traditionsgebundenen, sehr konservativen Gesellschaft hin, die wenig Individualität erlaubt, zum anderen bietet sie Sicherheit und Orientierung in einer festen Gemeinschaft und sorgt damit für eine Ordnung und Sicherheit, die der Staat nicht gewährleisten kann.