Rollentausch

Unser Freiwilligenjahr bereichert nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Angehörigen und Freunde. Mehr als die Hälfte von uns 15 Freiwilligen haben bereits Besuch erhalten. Wie der Besuch meiner Eltern im Januar meine Perspektiven auf das Leben in Sansibar verändern sollte und was meine Eltern für neue Erfahrungen machen durften, darüber werden meine Eltern (Gastbeitrag) und ich berichten.

Sansibarisches Festmahl Sansibarisches Festmahl Chakula tayari - das Essen ist fertig. Zu meiner Gastfamilie gehören insgesamt zwölf Personen, von denen aber selten alle da sind. [Foto von Henning Kurzmann, Fotorechte liegen bei Henning Kurzmann.]

Zwei Mamas sitzen auf der Stufe vor dem Haus und schneiden Zwiebeln für das Mittagessen. Heute gibt es Biriani, mein Lieblingsgericht. Es ist noch nicht einmal Zwölf und ich kann das Mittagessen jetzt schon kaum erwarten. Das Gericht besteht aus Reis und Masala, einer eher dicken, gut gewürzten und mit Fleisch durchsetzten Soße. Dazu werden Kochbananen in Kokosmilch zubereitet, sowie eine saftige Wassermelone geschnitten. Meine älteste Gastschwester Ifa ist gerade noch dabei frischen Saft zu pressen. Muu, mein kleinster Gastbruder, der noch nicht in die Schule geht, spielt im Hof und schaut ab und zu beim Kochen vorbei. Wirklich interessant findet er das aber nicht. Eine alltägliche Szene und trotzdem ist heute etwas ganz anders.

Beide Frauen spreche ich mit Mama an. Meine Mitfreiwilligen würden jetzt herzlich lachen und sagen, dass es doch hier üblich sei Frauen im Alter einer Mutter mit Mama anzusprechen. In Deutschland wäre das eher schwer vorstellbar. Was würde meine Nachbarin denken, wenn ich sie ab sofort mit Mama anspräche?

Aber was ist nun an der Situation so ungewöhnlich? Beide Frauen sehen sehr verschieden aus, sind anders gekleidet, sprechen unterschiedliche Sprachen und kommen aus verschiedenen Kulturkreisen. Hier sitzen meine Mama Kristina und meine Gastmutter Mama Kazija nebeneinander. Ein außergewöhnlicher Moment, der schwer in Worte zu fassen ist. Wie sagt ein indisches Sprichwort so schön: „Ein Kind ohne Mutter ist wie eine Blume ohne Regen.“ Wie schön, dass ich nicht nur eine, sondern mittlerweile zwei Mütter in dieser Welt habe.

Zu dieser besonderen Begegnung kam es, da meine Eltern beschlossen hatten, mich im Januar auf Sansibar zu besuchen. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, mein neues Leben und meine Erfahrungen direkt vor Ort teilen zu können.

Die ersten fünf Tage hielten wir uns in dem historischen Altstadtkern Stone Town auf. Ein befreundeter Tourguide erzählte uns alles über die historischen Gebäude und die Geheimnisse der Altstadt. Auch die alten Sultanspaläste standen mit auf dem Programm. Besondere Aufmerksamkeit bekamen die Mtoni Ruinen, da dort Prinzessin Salme eine bedeutende Rolle spielte. Prinzessin Salme verliebte sich in einen deutschen Kaufmann und ist später mit ihm nach Hamburg gezogen. Ihre Geschichte ist in dem Buch „Als ich die Prinzessin von Sansibar suchte und dabei mal kurz am Kilimandscharo vorbeikam“ beschrieben. Sehr zu empfehlen!

An einem Ort, wo der Pfeffer wächst, darf eine Gewürztour nicht fehlen. Nicht ohne Grund wird die Insel auch Gewürzinsel genannt. Auf der Tour wurde an Nelken, Zimtrinde und Ingwer gerochen, Zitronengras zwischen den Fingern zerrieben, Vanille und Muskat bestaunt. Auch eine Jackfrucht wurde probiert. Die restlichen zehn Tage genossen wir an der traumhaft schönen Ostküste und ließen es uns einfach gut gehen.

In dieser Zeit schlüpften meine Eltern und ich in neue Rollen. Meine Eltern besuchten mich einen Tag zu Hause und tauchten in mein alltägliches Leben ein. Auf der anderen Seite war ich auf einmal Tourist in meiner neu gewonnenen Heimat.

Rollentausch Nr. 1: Ich als Tourist auf Sansibar

Ein bemerkenswerte und für mich besonders erfreuliche Entwicklung ist, wie sich die Wahrnehmung der Menschen in meinem Umfeld im Laufe der Zeit verändert hat. Schon lange nennt mich keiner mehr mzungu („Weißer“), auch ungewöhnliche Blicke oder ein Gefühl von Fremdheit habe ich kaum noch. Dazu kommt, dass ich auch oft allein und in kaum touristischen Gebieten der Stadt unterwegs bin. Vor allem rund um mein zu Hause sehe ich nie Touristen. Ich fühle mich geborgen und gut integriert. Kulturelle und äußerliche Unterscheide oder Berührungsängste spielen schon längst keine Rolle mehr.

Über zwei Wochen waren meine Eltern und ich stets zu dritt unterwegs, was für mich eher ungewohnt war. Automatisch wurden wir als Touristen eingeordnet. Besitzer von Souvenirläden sprachen uns deutlich öfter an und aus dem typischen Begrüßungs-Smalltalk, in dem das Wort gut und gerne fünf, sechs Mal hin- und hergeworfen wird, wurde auf für das für Touristen vereinfachte Wort „Jambo“ verkürzt. Umso erstaunter reagierten die Leute, wenn ich nicht mit „Jambo“ antwortete, sondern die typischen Begrüßungsformeln nutzte. Oft waren ungläubige Blicke die Folge. Die meisten haben es einfach nicht erwartet nach der Vorstellung, „was, ein Touri kann Kiswahili?“ Im Anschluss entstanden daraus aber oft sehr unterhaltsame Gespräche und aus mzungu wurde schnell mswahili (Person, die mit Kiswahili vertraut ist).

Parallelwelt Bungalow Village

Die letzten fünf Tage unseres gemeinsamen Urlaubs haben wir in Matemwe verbracht, einem kleinen Dorf am nördlichen Ende der Ostküste. Unsere Bungalows mit Meerblick boten einen optimalen Platz, um die Seele baumeln zu lassen und Sonne zu tanken. Lange, weiße Sandstrände mit Palmen prägten das Bild. Richtung Süden zog sich der Strand soweit, dass kein Ende in Sicht war. Nur das Meeresrauschen und die im Wind wedelnden Palmblätter waren zu hören, wahrlich paradiesisch. Leider war bei Ebbe kein großer Badespaß vorhanden, da sich das Wasser aufgrund eines Riffes mehrere hundert Meter zurückzog und im flachen Wasser viele Seeigel warteten. Kein Problem, es gab ja noch eine große Poolanlage.

Das gesamte Gelände war mit einer großen Mauer abgegrenzt. Am dritten Tag verließ ich das Gelände, um für mein Handy Guthaben im Dorf zu besorgen. Es war ein merkwürdiger Moment, als ich durch das Tor ging und in Matemwe unterwegs war. Ich, voll in Urlaubsstimmung und an den Luxus der letzten Tage gewöhnt, prallte auf die alltägliche Welt Sansibars. Raus aus der luxuriösen Bungalow-Siedlung, rein ins Dorf. Der Anblick war für mich nichts Ungewöhnliches mehr, aber umso deutlicher wurde mir der Kontrast zwischen dem Leben eines Touristen und dem alltäglichen Leben der Sansibaris vor Augen geführt.

Meine Arbeitsstelle Moto liegt direkt an einer großen Hauptstraße. Täglich sehe ich Taxis und Busse voll mit Touristen, die auf dem Weg an die Küste sind. Oder falls wir Installationen in Küstennähe haben, sind die braun gebrannten Touristen am Strand nicht zu übersehen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich dieses Bild oft von außen betrachtet. Jetzt war ich selber einer davon. Keine Frage, ich genieße die Zeit sehr. Mit der traumhaften Lage am Meer und allem Drum und Dran besitzt dieser Fleck auf der Erde etwas Paradiesisches. Urlaub zu Hause hat sich noch nie so paradiesisch angefühlt.

Trotz allem fühle ich tief in mir Missbehagen. Während wir es uns in der noblen Unterkunft gut gehen lassen und uns die Bäuche bräunen, sieht 50 Meter weiter die Welt bereits etwas anders aus. Dieses Jahr habe ich das Privileg, beide Seiten erfahren und miterleben zu können. Mein Leben in Sansibar mag in vielen Bereichen weniger glamourös als jetzt im Urlaub sein und ich muss auf Luxus verzichten. Aber genau diese Erfahrungen sind ein wichtiger Teil meines Auslandsfreiwilligendienstes. Wie sagt man so schön - weniger ist mehr. Diese Erkenntnis hat mir wahrscheinlich auch erst der Urlaub so deutlich vor Augen geführt und gibt mir die Möglichkeit, den Fokus in meiner verbleibenden Zeit auf die für mich wichtigen Dinge zulegen.

Rollentausch Nr. 2: Meine Eltern für einen Tag im Leben von Hannes

Abseits der Touristenpfade - Ein Tag mit der Gastfamilie von Hannes (Gastbeitrag von Kristina Kurzmann)                         Wir freuten uns, die Gastfamilie von Hannes kennenlernen zu dürfen. Eine Woche hatten wir bereits auf dem Festland von Tansania verbracht. Nun waren wir gespannt auf die muslimisch geprägte Insel Sansibar. Am zeitigen Vormittag holte uns Hannes am House of Spices, unserer Bleibe in Stone Town, ab. Mit dem gut besetzten Dala Dala, einem Kleinbus, ging die Fahrt in Richtung Fuoni, einem Vorort von Sansibar Stadt. Linksverkehr, lautes Hupen, die staubige Straße, die von vielen kleinen Shops und Verkaufsständen gesäumt war, all diese Dinge nahmen wir während unserer Fahrt wahr. Die anderen Fahrgäste musterten uns: Touristen im Dala Dala, noch dazu in den Vororten von Sansibar Stadt, gibt es wohl nicht so viele. Der warme Fahrtwind wehte durch die offenen Fenster ab und zu mein Tuch vom Kopf. "Natural Airconditioning" nennen es die Einheimischen. Fahrgeld und Wechselgeld wurden hin- und hergereicht. 1000 Schilling reichten für uns drei. Das klingt viel, sind aber nur 40 Cent und wir bekamen sogar noch etwas wieder. Der "Schaffner" schlug mit einer Münze mehrfach gegen die Tür, wenn die Fahrt nach dem Aus- und Einsteigen weitergehen konnte. Hannes gab das Zeichen zum Aussteigen. Wir waren da, liefen noch ein paar Schritte vorbei an Verkaufsständen. Hannes begrüßte ein paar Bekannte: Die Jungs von der Motorrad-Werkstatt und den Obsthändler, bei dem er oft leckere Früchte holt.  Wir staunten, wie gut Hannes schon in seiner Umgebung integriert war.

Das Haus der Gastfamilie befand sich etwas abseits der Straße. Bei unserer Ankunft wurden wir freundlich von Hannes' Gastmutter Kazija begrüßt, den beiden weiteren im Haus lebenden Frauen, Zawadi und Nyachano, der 16-jährigen Ifa, die einen Tag schulfrei hatte und vom jüngsten Familienmitglied Muu.

Kazija, Zawadi und Ifa waren seit acht Uhr morgens auf den Beinen und hatten auf dem Markt eingekauft. Bei unserer Ankunft wurde bereits mit der Zubereitung des Gerichts begonnen – Biriani.

Vor der Tür gab es zwei kleine Feuerstellen, auf denen mit Holzkohle gekocht wurde. Es ist ein besonderer Tag und wir sollten erst später begreifen, dass ein wahres Festessen zubereitet wurde. Das Kochen auf offenem Feuer wurde perfekt beherrscht, um die gewünschte Gartemperatur auch über längere Zeit zuhalten. Ab und zu kamen Nachbarn und holten sich etwas von der Glut.

Wir wollten gern helfen, wussten aber nicht, ob die Höflichkeit das zulässt. Hannes übersetzte unser Anliegen und schon ging es los: Ich bekam ein Kleid und ein Kopftuch, damit meine Sachen nicht schmutzig werden. Ich schälte Zwiebeln und Henning schabte eine Kokosnuss aus. Dafür saß er auf einem dafür gemachten Bänkchen mit einem Schaber.

Hannes‘ drei jüngere Gastgeschwister Mahir, Ahmad und Mahida kamen aus der Schule und begrüßten uns fröhlich. Sogar Belulu kam vorbei, ein sehr guter Freund der Familie.

Die Zubereitung des Gerichts war ein längerer Prozess, der den gesamten Vormittag einnahm. So vergingen geruhsam mehrere Stunden, bis alles fertig war. Gegessen wurde auf dem Boden auf einer großen Matte. Eine Schüssel und eine Kanne mit Wasser zum Händewaschen wurden herumgereicht. Jeder bekam seine Portion auf den Teller. Gegessen wurde mit der rechten Hand. Das war wichtig, da die linke Hand als unrein und aus religiösen Gründen als schlecht angesehen wird: eine Herausforderung für mich als Linkshänderin. Wir dachten an Hiro, unseren früheren japanischen Gastschüler. Damals hatten wir versucht, mit Stäbchen zu essen. Das Essen mit der Hand stellte uns vor eine ähnliche Herausforderung. Biriani, die Kochbananen in Kokosmilch, das frische Obst und der erst kurz zuvor gepresste Saft waren ein Festmahl, welches Hannes auch nicht jeden Tag in dieser Fülle genießt.

Bewundert haben wir die junge Ifa, die nach dem Essen den Berg von schmutzigem Geschirr ohne fließendes Wasser und ohne Murren in drei Schlüsseln mit großer Geduld abgewaschen hat.

Dass "die Liebe durch den Magen geht" haben wir erst richtig bei Kazija und Zawadi begriffen. Die Frauen bereiteten mit viel Geduld und Ruhe ein weiteres Essen zu, in Öl gebratene Röllchen aus Kartoffelmus mit Fisch und würzige Bällchen aus Erbsen, dazu eine scharfe Kokossauce.

An diesem Tag haben wir sehr viel gegessen, gelacht, Fotos gemacht und Herzlichkeit gespürt. Dank Hannes durften wir abseits vom Touristenstrom etwas vom Leben einer Familie auf Sansibar erfahren, auch, wenn es kein Alltag, sondern ein kleiner Festtag war. Welch ein Geschenk! Es gab herzliche Umarmungen beim Abschied, die im Gedächtnis bleiben werden.

Henning und ich fuhren zurück mit dem Dala Dala. Aus dem Radio des Fahrers war laute Musik zu hören. Ich summte mit, das Herz voller Freude. "When we focus on our sameness instead of our differences, the world would be a better place." (Alan W.)