Anders Sein

Es ist mittlerweile, nachdem ich über ein halbes Jahr auf der tansanischen Insel lebe und arbeite, zum Alltag geworden „Anders zu sein“ und auch anders behandelt zu werden. Ist das nun gut oder schlecht, diskriminierend oder weltoffen, nervig oder aufregend?

Bunte Tshirts Bunte Tshirts [Foto von Felix Flüter, Felix Flüter]

**Wie jeden Tag gehe ich durch die Straßen Sansibars um zur Schule zu kommen. Wie jeden Tag werde ich von Kindern mit „Mzungu“ (Weißer) begrüßt.

Wie jeden Tag werde ich im Bus, auf der Straße und überall, wo ich hingehe etwas verlegen, aber doch skeptisch von Menschen angeschaut.

Wie jeden Tag werde ich von wildfremden Menschen angesprochen, woher ich komme und was ich eigentlich hier auf Sansibar mache.**

Es ist mittlerweile, nachdem ich über ein halbes Jahr auf der tansanischen Insel lebe und arbeite, zum Alltag geworden „Anders zu sein“ und auch anders behandelt zu werden. Ist das nun gut oder schlecht, diskriminierend oder weltoffen, nervig oder aufregend? Auf diese Fragen möchte ich in meinem Blogeintrag etwas näher eingehen und versuchen mit meinen eigenen Erfahrungen Antworten zu finden! Mein Name ist Felix, ich bin 26 Jahre alt und Freiwilliger im Projekt „Globales Lernen“ der DTP. Dabei arbeite ich als Lehrer an einer staatlichen Schule und lebe in einer sansibarischen Familie mit vielen Kindern und Erwachsenen unter einem Dach.

Ich konnte vor meiner Reise noch nicht die Erfahrung machen ein Fremder in einer anderen Kultur zu sein. Dementsprechend unwissend kam ich vor sechs Monaten nach Sansibar und musste relativ schnell die Erfahrung machen immer im Mittelpunkt zu stehen. Doch wie kann man sich das Bild eines „Mzungus“ (Weißen) hier vorstellen? Zum einen gilt für viele Menschen die Lebensweise aus Europa und Amerika als erstrebenswert. Man wird also häufig beneidet und bewundert. Kinder und auch Erwachsene freuen sich über kleine Begrüßungen oder auch nur einen kurzen Handschlag. Des Weiteren wird häufig davon ausgegangen, dass Weiße so gut wie alles wissen und können. Es wird also eine hohe Erwartungshaltung an einen herangetragen. Außerdem wird man häufig als „wandelnder Geldbeutel“ betrachtet und als potenzielle Geldquelle vermutet. Das äußert sich vor allen Dingen, wenn man am Markt immer wieder mit den Menschen verhandeln muss, um nicht das Dreifache vom üblichen Preis zu zahlen. Zum anderen genießt man ganz klar auch Privilegien in der Gesellschaft. Ob man nun einfach an der Security vorbei ins Luxus-Hotel hereinspaziert, um den Fernsehraum oder die Toilette zu nutzen oder einem im Bus der beste Platz angeboten wird - man wird in vielen Situationen privilegiert behandelt. Ob man das nun möchte oder es zum Teil auch unangenehm ist, ist dabei eine andere Frage!

Zu Beginn fühlte ich mich besonders durch das Wort „Mzungu“, mit dem ich tagtäglich konfrontiert werde, sehr diskriminiert. Ich sage ja schließlich auch nicht „Schwarzer“ zu einem dunkelhäutigen Menschen in Deutschland. Ein Umdenken setzte bei mir jedoch mit der Zeit ein, als ich begann etwas genauer hinzuschauen. Das Umdenken beschreiben Worte eines anderen Freiwilligen aus dem Jahr 2015 sehr gut, die ich hier anbringen möchte:

„Ich habe die Ansprache als „Mzungu“ (Weißer) immer als diskriminierend empfunden. Und in Europa stände sicherlich auch genau diese Absicht hinter einer solchen Kategorisierung. In Europa will man beim Namen genannt werden und sieht gerade dies als Wertschätzung an. In Tansania ist der Umgang allerdings anders. Das fängt damit an, dass man Leute in seinem Alter mit „dada“ (Schwester) oder „kaka“ (Bruder) ansprechen kann, als auch ältere Leute mit „Baba“ (Vater) und „Mama“ (Mutter). „Komanda“ (Kommandeur) in der Jugendsprache und „Bwana“ (Herr) im höflicheren Kontext zeigen Akzeptanz und Wertschätzung. Aber zum Beispiel auch „Fundi“ (Techniker) wird öfters als „Fundi“ angesprochen. Dieser Wille der Titelvergabe zusammen mit der Offenheit der Tansanier sind gerade der Grund, warum man auf den Straßen manchmal als „Mzungu“ angesprochen wird. Das Merkmal eines Fundi ist, dass er viel über Technik weiß. Aber was ist mein augenscheinlichstes Merkmal? Was unterscheidet mich von meinem Gegenüber? Meine Hautfarbe beschert mir dabei meinen ersten Titel. Und bei einer solchen ersten Begegnung ist dieser Titel eben die einzige Wahl.“

Gerade die Offenheit der Tansanier und Sansibaris, die der Freiwillige hier anspricht, kann zunächst auf einen aufdringlich, nervig und unhöflich wirken. Wenn mal wieder jemand Wildfremdes von der anderen Straßenseite zu mir rüberbrüllt: „Mzungu! Habari?“ (Weißer, was gibt’s für Neuigkeiten?) liegt der Gedanke häufig nahe, ignorant nicht zu reagieren oder eine pampige Antwort zu geben. Dass die Ansprache einfach nur eine freundliche Kontaktaufnahme sein soll, kann dabei leicht vergessen werden. Ein einfaches „nzuri“ (alles ist gut!) mit einem verschmitzten Lächeln, führt jedoch auch bei dem Gegenüber meist zu einem Lächeln, sodass beide gut gelaunt weiter ihres Weges gehen können. Gerade als „Anderer“ in einer fremden Kultur nimmt man in jedem Dialog eine gewisse Botschafterrolle ein und jede Aktion führt zu einer Reaktion des Gegenübers. So denkt sich der Mann auf der anderen Straßenseite anstatt „Die blöden, arroganten Weißen!“, vielleicht „Hey, die Weißen sind ja doch ganz schön okay!“.

Johannes Rau sagte zu dieser Thematik:

„Die Kulturen der Welt kommen sich näher und müssen versuchen, miteinander zu leben und miteinander zu reden. Das nennt man seit geraumer Zeit Dialog der Kulturen. Kulturen können streng genommen keine Dialoge führen. Das können nur Menschen. Je besser diese Menschen in der Lage sind, nicht nur über ihre eigene Kultur Auskunft zu geben, sondern sich auch in die andere hineinzudenken, umso besser sind sie in der Lage, einen solchen Dialog zu führen. (…) Einen wirklichen Dialog kann man nur führen, wenn die beteiligten Partner sich gegenseitig wirklich Ernst nehmen. Er kann nur beginnen, wenn das Bewusstsein und das Gefühl gleichen Wertes und gleicher Würde vorhanden ist.“

Das „Anders sein“ bringt auch mit sich, immer und überall im Mittelpunkt zu stehen. Auf der Straße sollte man sich schleunigst abgewöhnen in der Nase zu popeln oder am Hintern zu kratzen, denn man kann sich sicher sein, dass zu jeder Zeit irgendwelche Augen auf einen gerichtet sind. Auch in Gesprächen in größeren Gruppen kommt es nicht selten vor, dass man selber das Hauptgesprächsthema ist. Gerade aber dieses Interesse an der eigenen Person und am Leben ist eine Möglichkeit und Chance auch diesen „Dialog der Kulturen“, den Johannes Rau anspricht, weiter voranzutreiben. So schwer es oft fällt, kann man gerade diese Situationen nutzen, um falsche Vorstellungen, wie z.B. die angesprochene Allwissenheit der Weißen anzusprechen. Zudem wird einem dadurch die Tür in eine fremde Kultur abzutauchen sehr weit geöffnet – es ist doch definitiv schöner im Mittelpunkt als außen vor zu stehen, oder?

Damit möchte ich auf meine Ausgangsfragen zurückkommen. Ist es nun gut oder schlecht, diskriminierend oder weltoffen, nervig oder aufregend, anders zu sein? Für mich ist eine gesunde Mischung aus allen die Antwort: Genauso wie man sich teilweise diskriminiert fühlen kann, können genau diese Aktionen auch einfach nur freundlich, interessiert und weltoffen gemeint sein! So oft wie ich hier gerne genauso behandelt werden möchte wie jeder andere, macht doch gerade das „Anders sein“ meinen Aufenthalt wirklich spannend und aufregend! Und genauso oft wie ich ein Kind gerne anmotzen würde, mir nicht „Mzungu“ hinterherzuschreien, so oft öffnet es mir das Herz, wenn ein Kind mit den gleichen Worten völlig begeistert und mit offenen Armen auf mich zugelaufen kommt!

Denn sind wir nicht alle irgendwie ein bisschen „Anders“? – Und das ist auch gut so!