Bildungschancen in Tansania: zwei Umgebungen im Vergleich

Jonathan und ich (Johanna) haben beide durch unser Umfeld in Tansania auf die ein oder andere Weise Kontakt zum Schulleben hier. Wobei unsere Erfahrungen beziehungsweise Eindrücke kaum unterschiedlicher sein könnten. Nicht verwunderlich, wenn es sich um eine öffentliche und eine private Schule handelt. In diesem Beitrag wollen wir unsere verschiedenen Wahrnehmungen dazu mitteilen.

Toilettenhaus Toilettenhaus Toilettenhaus der Schule in Lukwambe [Foto von Jonathan Wagner, eigene Aufnahme]

Zwei Schulen in Tansania. Eine auf dem Festland, eine auf Sansibar. Eine in Lukwambe, eine in Stonetown. Eine ländlich gelegen, eine in der Stadt. Eine ist durch die Regierung organisiert, die Andere ist privat. Die Eine ist kostenlos, die Andere nicht. 
 Wie sieht Bildung aus in Tansania auf zwei unterschiedlichen Schulen an unterschiedlichen Orten? Es folgen unsere persönlichen Erfahrungen, die wir seit der Ankunft in Tansania vor zwei Monaten gemacht haben.



 Das Dorf Lukwambe ist ein circa 60km östlich von Morogoro gelegenes Dorf, nicht weit entfernt von der Kleinstadt Bwawani am Highway Dar Es Salaam - Morogoro.
 Die Bewohner von Lukwambe leben größtenteils in selbst aus Lehm und Holz gebauten Häusern. Sie sind Selbstversorger und verdienen ihr Geld mit Maisanbau, Viehzucht oder der Herstellung von Holzkohle. Es gibt nur wenige Brunnen. Für die Wasserversorgung bedienen sich viele Bewohner am Regenwasser oder am Ngerengere River, der nicht weit von Lukwambe fließt.
Die Grundschule von Lukwambe kämpft mit Schulabbrüchen. Besonders der Schritt auf die secondary school in Bwawani ist eine Hürde.
 An der Grundschule gibt es kein Wasser und kein Mittagessen. Laut Aussage einer Lehrerin ist das aber kein entscheidendes Problem. Die Schüler:innen essen, wenn sie nach Hause kommen und trinken wenn nötig beim Haus der Lehrer:innen. Auch bei den bis jetzt befragten Familien wurden diese Probleme zwar genannt, aber nicht als besonders schwerwiegend bezeichnet.
 Manche Schüler:innen laufen zwei Stunden zur Schule und zwei Stunden zurück. Eine Familie mit einem solchen Schulweg haben wir besucht. Die Mutter erzählte uns, dass der lange Schulweg eine Herausforderung sei, besonders die Wasserversorgung, aber die Kinder gehen trotzdem gerne zur Schule.


Die Bildungskultur in Lukwambe ist eine andere als in Deutschland. Ich selbst habe die Vorstellung einiger Familien für ihre Kinder hier noch nicht verstanden. Bis jetzt sagten uns alle Familien, dass sie ihre Kinder gerne zur Schule schicken und diese dahingehen können, wo sie wollen. Unser Chef und unser Arbeitskollege haben aber schon mehrmals folgendes beschrieben: Es gäbe Familien, die ihre Kinder nicht ausreichend ermutigen (eine meiner Ansicht nach besonders wichtige Aufgabe der Eltern), und andere Pläne für ihre Kinder haben in Richtung eigenes Haus, eigene Familie, eigenes Vieh und so weiter... Unser Chef hat uns aufgebracht erzählt, wie die Familien das fehlende Geld als Ausrede benutzen, ihre Kinder nicht zur secondary school zu schicken, während es in Wahrheit gut machbar sei mit entsprechendem Willen, die geringe Summe aufzubringen.
 Da ist auch die Befürchtung mancher Eltern, die Kinder umsonst zur Schule zu schicken und das Geld zu "verschwenden". 
 Ein Mitbewohner in unserer Arbeitsstelle erzählte uns von seiner Geschichte: Er ging zur Schule und an das College für zwölf Jahre, dann an die Universität für weitere sechs Jahre, ist ausgebildeter Tierarzt, um daraufhin keinen Job zu finden. Die Regierung stellt ihn nicht an und der private Sektor ist schwach aufgestellt in Tansania. Jetzt kämpft er mit der Jobsuche und geht nebenbei anderen Tätigkeiten nach, wie hier in unserer Arbeitsstelle, während sein Nachbar aus der Kindheit, der nicht zur Schule gegangen ist, mittlerweile Familie, Haus und Vieh hat. Letztendlich sei er der Verlierer.
 Die Lage ist verzwickt und besonders für mich aus Deutschland, wo genannte Probleme gar nicht oder in einer anderen Form vorkommen, ist es schwierig, die Gedanken der Familien hier nachzuvollziehen.




 Meine Gastfamilie Msonge lebt auf Sansibar und besitzt dort eine Farm, auf der sie organischen Anbau betreibt und die Erträge, die daraus hervorgehen, gut vermarktet. Mama Mwatima, meine Gastmutter, welche der Kopf der Familie ist, hat einen Doktortitel. Ihr einer Sohn ist Wirtschaftsminister von Sansibar, während der zweite Mitbegründer und Leiter einer Company und meiner Aufnahmeorganisation ist. Meine Familie verfügt daher über eine gute finanzielle Absicherung. Oyo, eine meiner Dada (Schwestern), kann daher eine Privatschule hier auf Sansibar besuchen, welche für sie im Jahr vier Millionen Tansanische Schilling (etwa 1540 Euro) kostet.

Durch diese hohe Gebühr sind die Familien der Schüler:innen dieser Schule alle mehr oder weniger wohlhabend. Internationaler sei sie, trotz des englischsprachigen Unterrichts, aber nicht wirklich. Eltern, die nicht aus Tansania kommen, schicken ihre Kinder eher auf die International School of Zanzibar. Für die hohen Kosten gibt es in der Schule dann aber auch Zugang zu Trinkwasser, sowie gutes Frühstück und Mittagessen. Um zur Schule zu kommen, nehmen viele den Schulbus, den man allerdings nochmal zusätzlich dafür bezahlen muss, dass er bei einem Zuhause vorbeikommt. Wenn man also nicht ganz so weit von der Schule entfernt wohnt, wird eher auf die Fahrtkosten verzichtet und zur Schule gelaufen. Um meine Schwester abzuholen, fährt der Schulbus extra von der Hauptstraße runter und den ganzen Weg bis vor unsere Haustür. Gegen 6:00 Uhr hört man es dann draußen hupen und Oyo, die schon seit einer Stunde wach ist, rennt in Uniform und mit ihrer schweren Schultasche nach draußen. Nachdem sie gegen 16:00 Uhr vom Schulbus wieder bei uns abgesetzt wurde, und ich gegen 17:00 Uhr auch wiederkomme, finde ich sie meistens im hinteren Zimmer auf einer Matratze schlafend vor. Diese Pause scheint sie auch wirklich zu brauchen. Denn nach dem folgenden Gebetsunterricht, muss sie dann noch einige Zeit auf ihre vielen Hausaufgaben verwenden.

Während der Schulstunden müssen die Schüler:innen parallel zum Frontalunterricht eine Zusammenfassung zum Behandelten verfassen. Aufgaben gibt es dann nur, und das nicht gerade wenig, nach Hause mitgegeben und sie müssen somit ohne die Hilfe von Lehrer:innen bearbeitet werden. Daher wendet sich Oyo bei Fragen immer an die, die gerade Zuhause sind. Wenn dann niemand helfen kann, wird die Aufgabe aufgeschoben und am nächsten Morgen bei Freund:innen abgeschrieben. Denn zu lange kann sie sich mit einer Aufgabe nicht aufhalten. Neben den täglichen Hausaufgaben müssen die im Unterricht geschriebenen Zusammenfassungen noch ein zweites Mal geschrieben werden. Dieses Mal aber als Notizen in einer bestimmten Form, nach den Vorstellungen beziehungsweise Vorgaben de Lehrkräfte.

Auf diese Art und Weise lernt meine Gastschwester für die Schule und die monatlich vorkommende „Exam week“, in welcher Tests in allen Fächern anstehen und wo das Gelernte (wohl mehr auswendig gelernt, als verstanden) geprüft wird. Wird dabei klar, dass einzelnen Schüler:innen Probleme mit der Thematik oder dem Fach haben, wird ihnen von den Lehrer:innen in den nächsten ein, zwei Stunden mehr geholfen, wobei ich denke, dass das dann oft auch schnell wieder im Sand verläuft. Auch wenn Oyo die Schule oft als langweilig oder als eine Last wahrnimmt, ist sie doch auch dankbar dafür diese Option zu haben. Sie meint, dass ein Abbruch gut dazu führen kann, dass sie lediglich jemandes Frau wird und sie nicht mehr tun würde, als sich um andere zu kümmern. Es ist ihr wichtig, unabhängiger zu sein und sie will auf jeden Fall irgendwann ihr Familienhaus verlassen. Sie sieht die Schule als ihren Weg, dieses Ziel zu erreichen.