Eine Geschichte von 11 Anfängen

2 von 11 Vorbereiteten, Überforderten, Demütigen, Erwartenden, Hoffenden Nord-Süd Freiwilligen berichten über ihre Einführungswoche in Dar es Salaam - das erste Mal in Afrika. Von 0 auf 36 Grad in 9 Stunden.

Taka taka land Taka taka land Zaidi recyclers [Foto von Lukas Kestel, Lukas Kestel(Copyright erteilt)]

Tröpfeln. Hämmern. Die Regenzeit beginnt: Wir sitzen im Innenhof des Msimbazi Center in Dar Es Salaam und spielen Karten. Nun ja. Wir versuchten es. Zuerst fällt der Strom auf einen Schlag aus. Dann fegte der Wind uns Asse, Könige, Damen, Buben und Zahlen vom Tisch. Über uns ein Dach aus Naturmaterialien, die dem Regen nicht standhalten und noch darüber ein Sternenhimmel so dunkel wie wir es sonst kaum gewöhnt sind. Um uns herum: Große Gebäude, Palmen, eine riesige Kirche und schließlich Freunde, die uns über die vergangenen Monate der Vorbereitung und die Zeit hier ganz eng ans Herz gewachsen sind. Die kühle Luft tut gut im Vergleich zu der der vergangenen Tage. Wie sind wir hierher gekommen?


Also. Los ging es am 14. Januar 2022, der Tag, auf den jede_r einzelne_r der 11 Freiwilligen lange gewartet hatten. Und dann war er plötzlich da, einfach so - und obwohl ich das Datum schon lange in meinem Kalender notiert hatte, traf er mich völlig unerwartet. Jetzt mussten wir tatsächlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das richtige Gate und die richtigen Leute finden um (richtig) loszufliegen. Und zwischen schaumigen Wölkchen vorm Fenster, Tränen um den Abschied und vollkommener Ahnungslosigkeit dachte man sich so “Mmh. Ok. Ist schon geil irgendwie.” Ankunft: Mindestens dreißig Grad im Schatten und kaum eine Wolke am Himmel trafen uns mit Schwung, als wir die Tür öffnen, um den Flughafen zu verlassen. Der Kontrast zu den Temperaturen im winterlichen Heiße-Schokoladen-Deutschland hätte kaum stärker sein können. Der Rest des Tages - Fahrt, Zimmer, Auspacken, Essen, Vorstellen - geht in der Erschöpfung, die uns allen auf die Stirn geschrieben stand, unter.

Nachdem alle in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen waren, brach auch schon der erste Morgen an. Der Kiswahili-Sprachkurs machte uns dann allmählich klar, dass wir uns wirklich nun ganz woanders befanden. Unser herzlicher Mwalimu (Swahili, bedeutet 'Lehrer') legte sehr viel Wert darauf, so wenig wie möglich Englisch und so viel wie möglich Kiswahili zu benutzen und nach 4h (versuchen zu) verstehen, nachsprechen, schreiben und anwenden rauchten unsere Köpfe ganz schön. Ich persönlich war sehr stolz, nun tatsächlich ein paar Sätze bilden zu können, nachdem die ganze Grammatik im Sprachkurs sehr theoretisch gewesen war. Mwalimu Mussa nahm uns an die Hand und hatte selbst viel Spaß dabei, die beschriebenen Wörter schauspielerisch vorzuführen - ein klares Highlight. So verging die Zeit schnell und wir fingen über die drei Sprachkurseinheiten am Morgen am Anfang an, uns ein Grundgerüst an Wörtern aufzubauen, an welchem wir ab jetzt jeden Tag hämmern und schrauben.

Unser erster Marktbesuch nachmittags aus meiner Perspektive: Tagsüber im fließenden Gedränge des beschatteten Marktes Kariakoo schien es auch im Schatten so warm, wie im Sonnenschein zu sein. Besonders die ersten Tage waren fordernd für meine auf Winter eingestellten Augen. Als wäre das bunte und laute Treiben nicht aufregend und aufreibend genug, stellte ich wiederholt beim abendlichen Logbucheintrag fest, dass das Datum Januar so gar nicht zu meiner Assoziation mit dem Wetter meiner Umwelt passte. Apropos Welt, die ja bekanntlich klein ist: Ein Teil von uns Freiwilligen besuchte am selben Tag noch eine in der deutschen Kolonialzeit errichtete Kirche in Dar es Salaam. Nach einem kurzen Besuch einer für mich Orgelmuffel überraschend frischen Musikdarbietung dreier Sänger und einer Schlagzeugerin durften wir hinauf auf den Kirchturm. Der Ausblick war traumhaft. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass die Glocke der Kirche in meiner Heimatstadt Apolda in Deutschland gegossen wurde. Vor lauter Eindrücken des Tages und der schieren Vielfalt an Gesehenem, Gerochenem und Gehörtem ist dieses Erlebnis ein Augenblick unter Tausenden.

Die nächsten Tage hätten auch einen Monat füllen können und vergingen dennoch wie im Flug. Wir erkundeten Dar es Salaam und lernten Schritt für Schritt, dort allein unterwegs zu sein, in den richtigen Bus einzusteigen und dann auch an dem richtigen Stopp wieder auszusteigen und ein Fußballtrikot auf halben Preis herunterzuhandeln. Wir verbrachten einen traumhaften Tag am Strand etwas außerhalb, wo sich alles und jeder anfühlte, wie aus dem Reisekatalog ausgeschnitten. Wir bestiegen die höchsten Gebäude, um die Stadt überblicken zu können (wir fuhren zwar hoch, aber liefen runter). Wir lernten, tansanische Toiletten zu benutzen. An einem Tag besuchten wir eine Recycling NGO, am nächsten reflektierten wir viel und tauschten uns über unsere Eindrücke aus. Zu meinen persönlichen Highlights gehörten definitiv die waghalsigen Bajajifahrten im Gegenverkehr, durch Menschenmengen, über Fußwege und solche die es werden wollen, als ob sie Querfeld ein in die Stadt führen.

Das Donnerstagsprogramm machte mich sehr nervös: der Tag, an dem wir das erste Mal alleine (also ohne Teamer Christian) in der Stadt unterwegs sein sollten. Morgens wurden die Teams ausgelost und Fragebögen verteilt, welche wir beantworten sollten. Die Challenges variierten von “Wer die größte selbst gekaufte Orange mit nach Hause bringt, hat gewonnen” über “Fragt drei Personen nach ihrer Meinung zu Solarenergie” bis hin zu “Fragt jemanden nach einem Buchtipp für ein Buch, was in Swahili geschrieben ist”. Es ging also darum, mit dem Menschen in Kontakt zu kommen und selbstständig die Stadt zu erkunden. Dabei waren die Aufgaben freiwillig - wir durften den Tag auch so verbringen, wie es uns am besten gefiel. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass wir zu diesem Zeitpunkt als Freiwillige eine kleine Family geworden sind und uns nicht trennen wollten - auch deswegen, weil wir Respekt davor hatten, uns alleine zurechtzufinden. Somit gingen alle 11 Freiwilligen gemeinsam los, um die Challenge “Macht ein Selfie auf dem Dach eines Hochhauses” zu absolvieren und wir trennten uns erst nach Busfahrt, Verhandeln am Tresen eines Bürogebäudes, um für 10 Dollar hochgehen zu können und zahlreichen Instagram Bildern. Meine Gruppe, 3 Mädchen, war schon zu Beginn komplett erschöpft - es würde noch drei Tage brauchen, bis wir feststellten, dass wir immer noch alle Unterschenkel-Muskelkater von der Treppe hatten… Und die letzten Tage hatten so viel Action beinhaltet! Wir wollten die Rally so gut wie möglich abschließen, brauchten aber erstmal eine schattige Pause mit selbst erhandelten Ndizi (Bananen), großen Machungwa (Orangen) und einer Embe (Mango). Dabei hatten wir eine nette Konversation mit einem Englisch-sprachigen Anwohner, der uns gerne alle Fragen beantwortete. Dann ging es zum höchsten Gebäude, wo allerdings niemand wirklich wusste, wie hoch es denn tatsächlich sei. Aber vielleicht konnte es uns auch nur keiner sagen, weil unser Swahili nun zwar bei den Begrüßungen stabil war, danach aber linear mit Faktor 10 abnahm. Als dann eine andere Gruppe auf der verzweifelten Suche nach Sonnencreme anrief, eilten wir zu Hilfe und machten eine ziemlich lange Google-Maps-navigierte Wanderung durch Dar. Bei Ankunft auf dem Kariakoo trafen wir die tomatenrote Gruppe an, die ebenfalls ziemlich erschöpft war. Deswegen machten wir nur noch ein paar der vorgedruckten Aufgaben auf der Liste und erweitern diese um unsere eigenen Punkte, welche “Die Suche nach Sonnencreme und Wasser”, “ein spontaner Schulbesuch mit Führung” und schließlich “die direkte Fahrt zurück ins Center, um dort eine kleine Pause zu machen und Karten zu spielen” hießen. Nichtsdestotrotz finde ich, dass wir uns in der Stadt herausragend zurechtgefunden haben und ich betrachte es lieber als Leistung, dass wir so schnell den Weg zurück gefunden haben.


Zurück in der Regennacht Nun aber ist auch dieser sonderbare Abend vorbei, der sich mir derart in die Erinnerung gebrannt hat, der Abend unterm Naturdach mit Sturm, Stromausfall, flatternden Karten, vollkommener Dunkelheit. Wir hatten in einem Flur-ähnlichen Durchgang durch ein Gebäude vom Innenhof nach draußen Unterschlupf gefunden, die blauen Plastikstühle abgestellt und voller Faszination grelle Blitze beobachtet, die im Sekundentakt den Himmel zu spalten schienen. Gegen 2.00Uhr morgens wurde der Regen sanfter und wir machten uns auf den Weg ins Bett.

Ende gut alles gut. Oder Anfang gut alles gut? Ich war mir nicht ganz sicher, was das frühe Aufstehen am Samstag und das Packen aller Sachen zu bedeuten hatte. Was nun vor uns, jetzt eigentlich eher vor mir, lag. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es den anderen nicht anders ging. Dieser Samstag markiert sicherlich einen Meilenstein in unserem weltwärts-Dienst (oder den Startblock?): Der letzte Tag mit dem Komfort und dem lauten, ehrlichen Lachen der Gruppe in der Orientierungswoche. Der Tag des Aufbruchs zur Gastfamilie und Aufnahmeorganisation. Der Tag, an dem unser FSJ nicht mehr aus dieser Gruppe besteht, sondern aus 11 mal mehr, mal weniger parallelen Pfaden, 11 neuen Familien und Lebensorten, 111 Neuen Freund_innen, 1111 Erlebnissen, 11111 emotionalen Momenten und noch Vielem mehr. Es mag sein, dass der akute Schlafmangel die Vorfreude und Angst gleichermaßen zunächst etwas dämpften, wir alle aber merkten, dass eine große Veränderung bevorstand, als wir uns mit ACC-Vertreter_innen (DTP Partnerorganisation in Tansania) und ein paar AO-Chefs in einem Raum zusammenfanden. Alle stellten sich vor und erzählten, was sie in den nächsten 7 Monaten so vorhatten. Und dann begann die Reise.



Fotograf Lucas Stefan Kestel