Erwachsen werden

„Bist du groß geworden", „Erwachsen werden" oder auch „Reif werden". Bisher hörte ich diese Phrasen schon häufig, nutzte sie auch selbst unzählige Male. Wirklich ausführlich dachte ich allerdings noch nie darüber nach und so wie mir gerade dürfte es wohl auch vielen Anderen in meinem Alter gehen. Also stelle ich mir die Frage‚ „was bedeutet 'Erwachsen werden' eigentlich?" Das will ich nun in diesem Artikel auch für mich ganz persönlich herausfinden.

Grafik away Grafik away Welchen Weg soll ich nehmen? [Foto von Peggy und Marco Lachmann-Anke, CC0 Creative Commons Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig]

„Bist du groß geworden“, „Erwachsen werden“ oder auch „Reif werden“. Bisher hörte ich diese Phrasen schon häufig - nutzte sie auch selbst unzählige Male. Wirklich ausführlich dachte ich allerdings noch nie darüber nach und so wie mir gerade dürfte es wohl auch vielen Anderen in meinem Alter gehen. Also stelle ich mir die Frage, "was bedeutet 'Erwachsen werden' eigentlich?“ Das will ich nun in diesem Artikel auch für mich ganz persönlich herausfinden.

Der erst Punkt, „bist du groß geworden“, lässt sich relativ leicht abhaken. Es ist etwas rein Physisches und hat nichts mit Reife zu tun. Meine Eltern und vor allem meine liebe Oma sagten dies zu mir bereits, als ich noch ein Kind war, also noch meilenweit davon entfernt, erwachsen zu sein. Das Wort Reife mag ich übrigens nicht als Bezeichnung für Menschen. Ich finde es etwas altbacken und für mich hat es etwas objektivierendes: Obst ist reif oder die Zeit ist reif. Außerdem ist Reife im Vergleich zum Erwachsen werden ein für viele Situationen anwendbarer Begriff. Es gibt die Reife für den Kindergarten, man kann urlaubsreif sein oder die Hochschulreife erlangen, allgemein gibt es schon lange bevor man erwachsen wird viele Erlebnisse, die als Reifeprüfung bezeichnet werden können. (Übrigens habe ich schon mindestens eine Reifeprüfung bestanden. Auf den Umschlägen meines schriftlichen Abiturs stand nämlich Reifeprüfung.) - Erwachsen werden ist dagegen viel enger gegriffen als Reife.

Nun habe ich bisher um den heißen Brei herum geredet, fehlt noch was Erwachsen werden denn tatsächlich ist. Um diese Frage (auch) für mich persönlich zu beantworten, muss ich erst einmal herausfinden, was denn für mich zum Erwachsen sein überhaupt dazu gehört. Bei jedem Menschen verläuft das Erwachsen werden anders, offiziell ist es so weit, wenn man 18 wird. Das ist aber einfach nur eine Zahl und sagt wenig darüber aus, wie sich jemand verhält. Erwachsen zu sein ist aber auch viel mehr als nur ausgewachsen zu sein, was übrigens erst mit Mitte 20 der Fall ist. Nach diesem Jahr werden meine Eltern also vielleicht wieder zu mir sagen, dass ich groß geworden bin.

Nun zu den neudeutsch genannten Soft Skills, das, was das Erwachsen werden für mich wirklich auszeichnet. Dazu gehören seine eigenen Entscheidungen zu treffen, selbstständig zu sein und auch Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen. Aber nicht nur für sich selber, sondern schrittweise auch für andere Menschen und z.B. die eigene Arbeit. Man muss die Konsequenzen für sein Handeln übernehmen und damit auch selbst tragen. Dazu gehört auch, zu erkennen, was notwendig ist und das Notwendige im Zweifel über die Wünsche zu stellen. Kindern und Jugendlichen, mich eingenommen, wird es nicht so schwer angelastet, wenn sie unüberlegt oder impulsiv handeln, einem Erwachsenen schon eher. Ich finde, dass es auch dazu gehört danach zu streben, auf eigenen Beinen zu stehen, nicht mehr am Tropf der Eltern zu hängen.

Zum Erwachsen sein gehört für mich auch, Lebenserfahrung zu haben, zu wissen, wie viele Dinge laufen, nicht engstirnig zu sein und einen weiten Blick zu haben. Sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, sondern sich wieder zu berappen, ein Steh-Auf-Männchen zu sein. Das ist auch etwas, dass Menschen ausstrahlen. Von mir kann ich das (noch) nicht behaupten, obwohl ich das natürlich schon gerne haben würde. Wer möchte in dieser Hinsicht nicht gerne erwachsen sein?

Auf der anderen Seite will ich ein ein paar Charakterzüge, die viele Erwachsene haben, allerdings nicht zum Erwachsen sein dazu zählen. Viele Erwachsene sind beispielsweise gesetzter, nicht mehr so streitlustig wie Jugendliche. Wenn mich etwas stört, dann diskutiere ich, auch, wenn es nur um Kleinigkeiten geht, gerne. Ich möchte momentan aber auch gar nicht, dass ich mich da verändere. Der Wahrheit ins Auge geblickt wird diese Entwicklung, nicht mehr so diskussionslustig zu sein, allerdings wohl auch nicht vor mir halt machen.

Alles ist ein fließender Prozess. Bei dem einen passiert es eher, beim anderen später und beim letzten womöglich sogar nie. Wenn ich eine Grenze festlegen müsste, was bei so einem riesen Komplex schwer fällt und nicht für alle Menschen verallgemeinernd möglich ist, würde ich die Schwelle zum Erwachsen werden aber irgendwo bei Mitte bis Ende 20 legen - Ich sehe mich mit 19 eindeutig noch nicht als Erwachsener. Natürlich verhalte ich mich größtenteils schon verantwortungsvoll. Ich fühle mich aber bei weitem noch nicht erwachsen und will es auch noch nicht sein. Ich sehe mich als Jugendlicher und spreche auch bei Freunden in meinem Alter noch von Jungen und Mädchen, es würde sich sehr komisch anfühlen, wenn ich von Frauen und Männern spräche. Ich fühle mich noch jung. Aber was heißt das. Was heißt, jugendlich sein? Um dieses andere große Thema nur kurz anzureißen: Frei sein, z.B. nicht so sehr durch Arbeit oder Familie gebunden. Es ist ein anderes Lebensgefühl.

Sehr viele jüngere Menschen in Deutschland können noch lange jung sein. Viele Studenten fühlen sich auch noch jung und nicht als Erwachsene. Ich finde, dass dies schon ein Luxus unserer Gesellschaft ist. Dass sich die Kindheit und Jugend oder genauer die Zeit, in der wir Jugendlich sein dürfen in den letzten Jahrzehnten enorm verlängert hat. - Wie wäre das Leben vieler Studenten von heute z.B. in den 1950ern aufgenommen worden?

Nach all den Gedanken finde ich, dass der Weg zum Erwachsen werden ein langer Weg zur Selbstfindung ist, an dessen Ende all die genannten Punkte stehen können. Es sind aber alles keine Ausschlusskriterien, sie geben lediglich eine grobe Richtung vor. Es gibt nicht das eine Erwachsen werden.

Bevor ich dieses Jahr hier begann, beschäftigte ich mich mit meiner Motivation und was dieses Jahr mir persönlich bringt. Dabei sagte ich ab und zu sperrig „Persönlichkeitsentwicklung“. Ich hatte irgendwas dazu im Hinterkopf, wusste aber bisher nie wirklich was ich genau dachte. Jetzt, beim Schreiben dieses Artikels, habe ich eine Idee davon bekommen, was ich schon damals meinte. Und auch heute würde ich es wieder sagen. Dieses Mal aber vielleicht mit „Erwachsen werden“ statt „Persönlichkeitsentwicklung“. Gleich wie ich es nun nenne, dieses Jahr wird uns Freiwillige hierbei sehr viel weiter bringen. All die neuen und mitunter ganz anderen Eindrücke, als es sie in Deutschland gibt, regen sehr zum Nachdenken an. Damit einhergehend kommen mir zwangsläufig viele Fragen, die sich häufig auf zwei Fragen herunterbrechen lassen. Nämlich „Was will ich?“ und „Wie denke ich darüber und warum?“ Mir fällt gerade auf, dass mir die beiden Fragen schon aus dem Philosophieunterricht an meiner Schule bekannt vorkommen. „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ - drei der vier Kant’schen Fragen. Eine endgültige Antwort werde ich jedoch weder auf die Kant’schen Fragen, noch auf die Frage danach, was Erwachsen werden bedeutet finden. Somit bleibt mir zu sagen, dass es ein sehr individueller Prozess ist, jeder Mensch ist anders. Und, dass es eine lange Reise ist auf der auch ich mich noch befinde.

Das wäre jetzt eigentlich ein passender Abschluss. Bisher ging es aber nur um Europa bzw. Deutschland. Wie sieht es aber in anderen Teilen der Welt aus, z.B. hier in Tansania? Ich fragte meine Gastschwester Naomi, was erwachsen sein für sie bedeutet. Sie erzählte, dass es in erster Linie bedeutet, 18 zu werden. Dann hätten die Tansanier fast alle Rechte und Pflichten wie die Älteren. Ebenso wie in Deutschland fangen dann fast alle Menschen an, einen Beruf zu lernen oder zur Uni zu gehen und leben meistens noch zu Hause. Mit etwa 25 Jahren kommt dann der nächste große Schritt. Dann sei man alt genug, um auszuziehen und sich selber zu versorgen. Es ist zwar nicht in Stein gemeißelt, dieser grobe Fahrplan trifft jedoch bei vielen jungen Tansaniern zu. Naomi weiß, dass sie in ungefähr 3 Jahren ausziehen wird. Wohin oder mit wem sie dann wohnen wird steht aber noch in den Sternen. Was sie mir erzählte, gilt eher für die Stadtbevölkerung. Bei den Menschen, die im ländlichen Raum leben, sieht es schon anders aus. Allerdings kann auch nicht jeder Bewohner einer größeren Stadt zur Uni gehen. BAföG oder etwas Ähnliches gibt es nicht und somit ist es auch eine Frage des Geldbeutels studieren zu können. Kinder aus finanzschwächeren Familien können deswegen womöglich nicht studieren. Mein Gastbruder Sharifu erzählte mir hingegen etwas ganz anderes. Nämlich, dass man genauso wie in Deutschland auch noch mit 30 ein Jugendlicher sein kann. Oder sich zumindest so verhalten kann. Genauso wie in Deutschland ist es aber eher die Ausnahme. Diese zwei unterschiedlichen Aussagen zeigen, dass es auch hier nicht die eine Meinung zum Erwachsen werden gibt, dafür sind wir alle zu unterschiedlich.


Hier noch zwei interessante Check-Listen, um zu überprüfen, ob man denn schon wirklich erwachsen ist. https://www.studiblog.net/2016/12/09/erwachsen-werden-lektionen/ https://editionf.com/30-Zeichen-dafuer-dass-man-nun-wirklich-erwachsen-ist