“Ich kenn da jemanden” - von Kontakten und sozialen Netzwerken in der tansanischen Gesellschaft

Wenn es selbstverständlich wäre, den Nachbarn oder die Arbeitskollegin um Rat zu fragen und um Hilfe zu bitten, vielleicht sogar nach Geld zu fragen, wenn man auf ein gigantisches Netzwerk von Freunden und Bekannten zurückgreifen könnte, hätte man dann nicht unendlich viele Möglichkeiten? Oder wäre die Verantwortung zu groß immer auch auf andere Rücksicht zu nehmen? Um welche Dinge müsste man sich selbst weniger kümmern und wo artet ein Freundschaftsdienst zum Vollzeitjob aus?

Fishmeeting at Sansibar beach Fishmeeting at Sansibar beach Auch diese zwei Fische kennen sich durch ein Netz [Foto von Fabian Welke, Foto von Fabian Welke, zur öffentlichen Nutzung freigegeben.]

An vielen Stellen sind in Tansania nicht Geld, Glück oder die eigene Persönlichkeit die wichtigsten Faktoren für ein erfolgreiches Leben, sondern einfach nur die richtigen Leute zu kennen. Dafür werden entweder bestehende Strukturen genutzt oder ganz gezielt Networking betrieben: Jeder versucht irgendwie die eigene Kontaktliste zu optimieren, denn wer erfolgreich sein will, muss meist jede Chance nutzen.

Während man in deutschen Großstädten in der Regel seinen Alltag auf recht unpersönliche Weise bestreitet und nicht einmal den Namen der Supermarktkassiererin kennt, bei der man seit Jahren die Waren aufs Band legt, gehört in Tansania zu fast jeder alltäglichen Interaktion auch ein persönlicher Bezug. Gespräche mit dem Chipsi-Verkäufer (Chipsi sind Pommes Frittes) oder Nachfragen von der Gemüsefrau, warum man gestern nicht da war, um, wie sonst jeden Tag, ein Stück Obst zu kaufen, sind hier Normalität und gehören inzwischen zu unserem Alltag. Ob man im Laden um die Ecke einkauft, den Motorradfahrer des Vertrauens anruft oder sich die Haare flechten lässt: In der Regel kennt man sich und weiß grob über die Belange des jeweils Anderen Bescheid. Solche persönlichen Bindungen an ein berufliches oder geschäftliches Umfeld führen unvermeidlich zu weniger Distanz zwischen Privat- und Arbeitsleben. Das ist natürlich ein Vorteil, weil man den Menschen kennt, der einem da etwas verkauft oder eine Dienstleistung erweist. Deshalb hat man vielleicht keine Angst übers Ohr gehauen zu werden und es ist kein Problem, wenn man mal sein Geld vergessen hat und erst beim nächsten Mal bezahlt. Ein Nachteil aus deutscher Sicht kann die fehlende Distanz und die damit einhergehenden Erwartungen sein, welche beispielsweise das Verhandeln von Preisen oder das Ansprechen von Problemen deutlich komplizierter machen. Es ist eben üblicher, Geschäftsbeziehungen zunächst im eigenen Bekanntenkreis zu führen, was gerade im informellen Gewerbe zum Erfolg beiträgt.

All diese Schilderungen mögen nach europäischer Wahrnehmung provinziell klingen, nach einem Dorf in dem jeder jeden kennt und man sich ständig darum kümmert, was die Nachbarn denken könnten. Wir sprechen hier jedoch von Dar es Salaam, einer 7-Millionen-Einwohner-Stadt, die in ihrer räumlichen Ausdehnung jegliche Vorstellungen übersteigt. Wer hier in einer der riesigen Malls einkauft, kennt natürlich auch niemanden und erfährt den Namen der Kassiererin höchstens von dem auf der Kleidung angebrachten Namensschild. Doch vielleicht ist gerade beim Leben hier, wo man sich schnell von den unzähligen Möglichkeiten überfordert fühlt, ein soziales Netzwerk unerlässlich, vielleicht funktioniert das Zusammenleben in dieser viel zu großen Stadt gerade deshalb gut.

Von der Einbindung in dieses System konnten wir bisher ebenfalls ausgiebig profitieren. So wurde mir zum Beispiel kürzlich an einer großen Busstation das Handy geklaut. Ich ärgerte mich schon, doch als ich abends meiner Gastmama davon erzählte, wusste sie sofort Bescheid. Sie kennt nämlich jemanden, der dort in der Gegend gewohnt hat und dem deshalb die “üblichen Verdächtigen” bekannt sind. Dieser fuhr nun also noch am selben Abend los und fragte die Anwohner, ob heute jemand gesehen wurde, der einem Mzungu (einem Weißen) ein Handy aus der Tasche gezogen hatte. Am nächsten Tag kam dann offenbar jemand zur Polizeistation und zeigte anonym den Dieb meines Handys an. Ich wurde benachrichtigt und konnte zur Polizei kommen, um mein Telefon abzuholen. Ich hatte also unerwarteterweise durch meine Beziehung zu meiner Gastmama und ihren Kontakten mein Handy wieder.

Ein solches Netzwerk entsteht stets zuerst durch das eigene familiäre Umfeld. Im weiteren Familienkreis hilft man einander. Es gibt eine Art umfassende Solidarität, die dafür sorgt, dass niemand auf der Strecke bleibt. Die Oma in Mwanza ist schwer krank? - Schnell mal Geld für die Behandlung überweisen. Der Schwiegersohn sucht einen Nebenjob? - Kein Problem, der kann beim Großonkel im Laden anfangen. Euer Haus ist noch nicht fertig? - Wohnt bei uns! Das engmaschige, soziale Netz leistet oft mehr als jedes staatliche Sozialsystem. Es funktioniert jedoch nur, weil Gefälligkeiten auch untereinander ausgeglichen werden. Mitunter kommt es dann zu Situationen, in denen diese Verantwortung zur Last wird. Hier ist auch der soziale Druck nicht zu unterschätzen, denn natürlich will niemand als Egoist wahrgenommen werden. Erweitert wird das Netzwerk der Kontakte dann individuell durch Begegnungen, besonders dadurch, dass man hier allgemein einfacher ins Gespräch kommt. Man tauscht schneller Nummern aus und hat dann auch keine Scheu, Kontakt aufzunehmen, denn im Idealfall profitieren beide Seiten davon.

Selbstverständlich spielen Kontakte auch bei der Jobsuche eine entscheidende Rolle. Wenn Privatleben und Arbeit deutlich enger verbunden sind, passiert es oft, dass man eine Stelle bekommt, weil man schon jemanden kennt und dort empfohlen wird. Diese Praxis wird jedoch auch unter Tansaniern nicht immer positiv gesehen, denn die Nachteile sind offenkundig: Wer irgendwo Fuß fassen will, muss zunächst einen Großteil seiner Zeit dafür aufwenden, Kontakte in entsprechenden Kreisen zu knüpfen. Mitunter ist es fast unmöglich, sich in bestimmten Gruppen zu etablieren und nicht selten sorgt das für Einschränkungen. So berichtete mir mein Gastbruder Benson, der Musik studiert, dass diese Form der “Vetternwirtschaft” es jungen Musikern erheblich erschwert, beispielsweise eine Band zu finden. Denn wer Musiker für die eigene Band sucht, findet immer irgendwo im großen Bekanntenkreis jemanden, den man zuerst anfragt. “Zu merken, dass Leute nicht aufs Talent schauen, kann sehr frustrierend sein”, sagt Benson.

Soziale Netzwerke, von denen im Idealfall jeder profitiert, bieten ein großes Maß an Sicherheit, sind Orientierungshilfe und Unterstützung. Sie sind gut fürs Geschäft und helfen oft selbst in aussichtslosen Lagen, erfordern aber Gegenleistungen, Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz. Letztendlich ist es einfach selbstverständlich, Dinge auf diesem Weg zu tun, darüber wird für gewöhnlich auch nicht weiter diskutiert.