Kleider machen Leute

Mit knapp einer Million Quadratkilometern ist Tansania in etwa dreimal so groß wie Deutschland. Auf einem derartig großen Gebiet sind kulturelle Unterschiede vorprogrammiert. Dieser Artikel befasst sich mit einem Unterschied, der sich besonders im Vergleich zwischen urbanen und ländlichen Gebieten zeigt. Nämlich Kleidung.

Gestapelte Kitenge Gestapelte Kitenge Ein Stapel bunter Kitenge [Foto von Mauryn nakiyimba, Zur Wiederverwendung und Veränderung freigegeben]

Die Idee zu diesem Artikel kam mir durch meinen Osterurlaub. Dabei war ich im Norden Tansanias und ebenfalls an der Küste unterwegs. Als wir in Dar es Salaam - quasi der Hauptstadt* - waren, erstaunte es mich förmlich Frauen mit knie- und schulterfreien Kleidern zu sehen. Auf der Reise fiel mir auch die andere Mentalität der Menschen an der Küste verglichen mit jenen im Norden auf. Aber wie sollte es auch anders sein in einem so riesigen Land? Mit knapp einer Million Quadratkilometern ist Tansania dreimal so groß wie Deutschland und hat ca. 57 Millionen Bürger. Daher kam mir der Gedanke, dass wir, obwohl wir ein ganzes Jahr hier sind, nur Bruchstücke des Landes und der Kultur erfassen können. Wir, 15 Freiwillige der DTP, reisen beispielsweise meistens nur durch den Norden und an der nördlichen Küste. In den Westen und Süden Tansanias verirren sich ebenso wie auf das Land nur wenige von uns. Darüber hinaus leben wir alle nur in Ballungszentren, aber um all das soll es nun gar nicht gehen. Es geht um Stoff!

Vorweg kann ich sagen, dass Frauen häufiger als Männer traditionelle Kleidung tragen. Traditionell heißt beispielsweise kangas - das sind übergeworfene gemusterte große Tücher - oder auch ein Kleid aus kitenge, einem festen Stoff. Männer tragen häufig Kleidung, die es auch in Deutschland gibt: T-Shirts und Sakkos, Stoffhosen und Jeans. Ein paar Wochen nach unserer Ankunft hier in Tansania ging ich in "meiner" Stadt Boma Ng’ombe, im Norden Tansanias zwischen Moshi und Arusha gelegen, mit kurzer Hose Richtung Stadtzentrum, drehte aber davor um, da es mir zu unangenehm war. Ich fühlte mich regelrecht angestarrt. Jetzt, da ich mich nach nunmehr neun Monaten schon bedeutend besser auskenne, könnte ich auch mit kurzer Hose in die Stadt gehen, ohne dass es mir extrem unangenehm ist. Unangenehm ist es mir aber nach wie vor und ich trage fast nur lange Hosen. Ich habe mich da einfach angepasst. Dementsprechend war es für mich an den ersten beiden Tagen meines Urlaubs auf Sansibar auch etwas gewöhnungsbedürftig so viele Menschen in Bikinis und Badehosen zu sehen. Ich kann mich nicht daran erinnern in Boma jemals Frauen mit knie- oder schulterfreier Kleidung gesehen zu haben. Bei den Jungen und Männern sieht es da schon etwas anders aus, wenn es auch sehr selten der Fall ist. Dann sind es aber auch nur Jugendliche oder junge Erwachsene. Ich glaube, dass Boma irgendwo im Mittelfeld liegt, was die Alltagskleidung der Leute betrifft. Zwei Städte, die ich eher in der etwas avantgardistischen Ecke verorten würde, sind Dar und noch viel mehr Arusha. In Dar war ich erstaunt, als ich Frauen in knie- und schulterfreien Kleidern sah. Zugegebenermaßen war das aber nicht ganz repräsentativ für Dar. Wir waren in einem Einkaufszentrum, das etwas wie eine westliche Insel im restlichen Dar wirkte. Aber es gibt in Dar eben solche Orte, an denen die Menschen eher "leichtere" Kleidung tragen. Leichtere steht in Anführungszeichen, da es eine deutsche Sicht ist. Tansanier mögen da anders darüber denken. Nun zu Arusha. Ich habe schon mehrmals gehört, dass Arusha die "kenianischste" Stadt Tansanias sein soll, also westlicher als die meisten anderen Städte ist. Das zeigt sich auch an der Kleidung der Leute. Hier sieht man einige junge Frauen Jeans tragen. Ich kenne keine andere Stadt in Tansania, in der das ebenfalls in so großem Maßstab der Fall ist. Die ganz andere Richtung ist das Ländliche. Beispielsweise in dem eingangs genannten Urlaub in den Usambara-Bergen. Da kommt übrigens das Usambaraveilchen her. Die Gegend in der wir dort waren, in der Nähe eines Aussichtspunkts am Ende des Gebirges, ist tendenziell ländlich geprägt. Mir kam es auf dem Markt dort so vor, als ob die Menschen mehr traditionelle Kleidung tragen: mehr kangas und kitenge und weniger T-Shirts. Lange Rede kurzer Sinn. Was ich damit sagen möchte ist, dass es nicht das eine Tansania gibt, sondern, wie so häufig in der modernen Welt, viele Varianten. Und dass wir uns nicht anmaßen sollten über alles Bescheid zu wissen. Selbst ich weiß noch nicht sehr viel über Tansania. Und das nach neun Monaten!

Zweitens, was uns persönlich wichtig ist. Wir finden es besser, wenn man sich was Kleidung anbelangt ein Stück weit anpasst. Es ist zwar nachzuvollziehen, wenn man sich in seinem Urlaub keine Gedanken um sowas machen möchte und sich erst recht nicht deshalb einschränken möchte. Jedoch denken wir, dass man sich seinem Umfeld bewusst sein sollte. Einige junge tansanische Bekannten sagten, dass es sie stört Menschen in kurzen Hosen zu sehen. Das stärkste Negativbeispiel, was ich tatsächlich sah, sind Frauen und Mädchen auf Sansibar in Hotpants. Dies ist besonders unangebracht, da Zanzibar zu mehr als 95% muslimisch ist. Zum Abschluss möchte wir noch loswerden, dass jeder machen kann, was er möchte. Man muss sich aber der Konsequenzen bewusst sein. Sei es auch zu wissen, dass man die Menschen vor Ort mit seiner Kleiderwahl vor den Kopf stößt und sich einige kalte Blicke einfängt.


*Die offizielle Hauptstadt Tansanias ist Dodoma im Herzen des Landes. Dodoma hat allerdings nur 213.636 Einwohner(2012). Dar es Salaam, häufig nur Dar oder Ubungo, das Gehirn, genannt, ist in den meisten Belangen die eigentliche Hauptstadt, wie es historisch auch mal der Fall war. Sei es durch seine 5.464.400 Einwohner(2016) oder da es das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Tansanias ist. Dodoma wurde 1974 zur Hauptstadt gemacht, um das Hinterland aufzuwerten. Nun ziehen einige staatliche Institutionen auch nach Dodoma um. Lange Zeit tagte das Parlament nicht in der Hauptstadt, sondern in Dar.