Kleine Eigenheiten der tansanischen Gesellschaft

Ich lebe nun schon seit einem halben Jahr in einer Gastfamilie auf Sansibar und es sind mir einige Unterschiede zur deutschen Kultur aufgefallen, die hier schildern möchte.

Normaler Arbeitsverkehr in Sansibar-Stadt Normaler Arbeitsverkehr in Sansibar-Stadt Das Krankenhaus in Mwembeladu mit alltäglichen Verkehrschaos [Foto von Florian A. Vonsien, gehört Flo]

Einleitend zu diesem Artikel möchte ich sagen, dass alle Eigenschaften, die ich hier aufführe, meinem rein subjektiven Blickwinkel entspringen. Ich denke, dass ich nach den 6 Monaten, die ich schon in Tansania lebe, schon einen tieferen Einblick in diese Gesellschaft habe aber trotzdem jeder der anderen Klimaschutzfreiwilligen, sowie jeder andere, der in Berührung mit diesem Land kommt, andere Erlebnisse gemacht und Erfahrungen gesammelt hat. Diese können zuweilen mit den Eigenheiten, die ich beschreiben werde, übereinstimmen aber das kann natürlich auch nicht so sein. Dieser Artikel hat diese subjektive Art, da ich Eigenarten bzw. Verhaltensweisen der tansanischen Kultur beschreiben möchte, die mir in einem halben Jahr in meinem alltäglichen Leben, in der Einsatzstelle „MOTO-Solar Power“ auf Sansibar oder in meiner Gastfamilie aufgefallen sind. Dies können auch kleine, zuerst unwichtig erscheinende Sachen sein, doch ich habe sie mehr oder weniger sofort bemerkt, wenn ich mein Heimatland Deutschland mit meiner jetzigen Wahlheimat Tansania vergleiche.

Es ist nicht immer leicht Gründe und Motivationen hinter bestimmten Verhaltensweisen zu verstehen und vielleicht werde ich das bei manchen Sachen nie tun, aber es ist einfach spannend manche Motive zu ergründen. Deswegen möchte ich gleich mit etwas anfangen, dass ich bis heute noch nicht richtig verstanden habe. Recht viele Tansanier besitzen zwei Handys. Meist ein Smartphone und ein älteres Tastenhandy. Man denkt vielleicht jetzt, dass sie mit einem davon soziale Netzwerke benutzen oder Handy Spiele spielen und mit dem anderen telefonieren, aber das ist nicht der Fall. Mit beiden Handys wird telefoniert und SMS geschrieben. Dies führt dazu, dass ich von den meisten Arbeitskollegen zwei Nummern habe und immer ausprobieren muss, welche gerade funktioniert. Ich denke ein Grund könnte sein, dass man die verschieden Handys für verschiedene Mobilfunkanbieter benutzt, da es in Tansania ein Unterschied in den Kosten ist, ob du als jemand der das Zantel-Netz benutzt jemanden anrufst, dessen Anbieter Halotel ist. Trotzdem klärt es das nicht wirklich auf, da die meisten Smartphones eine Dual-Sim haben. Wie gesagt, kann ich jetzt keinen eindeutigen Grund dafür nennen.

Um beim Thema Handy zu bleiben, ist mir oft aufgefallen, dass viele Tansanier als Hintergrundbild entweder sich selbst oder das Profilbild eines Freundes haben. Ich denke, dass man seine Freundschaft zu dieser Person damit ausdrücken will, aber dass man ein Bild von sich selbst als Hintergrundbild hat, verstehe ich nicht ganz. Auf der Straße sieht man öfter auch noch eine andere Art die Freundschaft zwischen Männern auszudrücken: das Händchenhalten. In einer Gesellschaft in der Homosexualität nicht anerkannt, sogar verpönt ist, ist es trotzdem kein Problem, wenn zwei Männer Hand in Hand die Straße lang laufen. Diese Tätigkeit wird überhaupt nicht in Verbindung mit der Liebe von Mann zu Mann gebracht.

Eine weitere Eigenheit, die ich schon oft bemerkt habe, ist das Aufstoßen bzw. Rülpsen in der Öffentlichkeit oder in der Familie als völlig normal angesehen wird. In meiner Anfangszeit hier war es für mich sehr überraschend und etwas komisch. Ich kann mich noch an eine Situation erinnern, in der mein Mitfreiwilliger Flo und ich zum Essen mit der ganzen Familie bei unserem Chef eingeladen waren. Es war das allwöchentliche Familienessen an Ijumaa (in der muslimischen Kultur ist der Freitag etwa so wie in der christlichen Kultur der Sonntag). Alle Familienmitglieder und wir saßen in Kanzu und Kufia bekleidet beim Essen und die Frau des Chefs rülpste. Für mich und Flo war das völlig überraschend, aber niemanden der anderen Familienmitglieder schien es zu stören. Es war einfach das normalste der Welt. So passiert das öfter mal. Im Bus aber auch auf der Straße ist es für mich schon zur Normalität geworden, dass man ab und zu Leute laut aufstoßen hört. Ich habe daraufhin einen Freund gefragt, was es damit auf sich hat. Er meinte nur, dass es doch eine normale Reaktion des Körpers sei und es keinen Grund gäbe, sich dafür zu schämen oder es zu unterdrücken.

Eine Eigenschaft, die mir öfter schon aufgefallen ist, ist die Sauberkeit und Ordnung der Tansanier. Wenn ich auf meinem täglichen Arbeitsweg durch verschiedene Wohnviertel laufe, sehe ich immer Frauen die ihr Haus und Grundstück sauber halten. Es gibt eine Frau die wirklich jeden Morgen ihren sandigen Vorgarten von ein paar Blättern und anderen Sachen befreit. Ich meine sie fegt deutlich öfter den Sand vor ihrem Haus von der einen Seite zur anderen als ich mein Zimmer. Auch auf Kleidungsstücke passen viele auf, dass sie nicht schmutzig werden. Ich denke das kommt daher, dass die Mehrheit der Menschen per Hand wäscht. Wenn man keine Waschmaschine hat in die man die Kleidungsstücke einfach reinpacken kann, schätzt man saubere Sachen etwas mehr wert.

In meiner Gastfamilie ist mir auch aufgefallen, dass sie fast nie die Möbel benutzen, die da sind. Bei uns steht ein großer Esstisch für 8 Personen im Esszimmer. Trotzdem essen die meisten Familienmitglieder im Wohnzimmer auf dem Boden oder auf der Couch. Das ist gleich das nächste unbenutzte Möbelstück. Auch wenn das ganze Wohnzimmer mit Sitzgelegenheiten vollgestellt ist, bevorzugen es meine Gasteltern am Abend beim Fernsehen auf dem Boden zu sitzen. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich nur die Erfahrungen, die ich vor allem mit Sansibaris gemacht habe, hier einbringen konnte. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen Sansibar und dem Festland, die wahrscheinlich durch die Religion und die Geschichte zu Stande kommen. Alles in Allem war es für mich nur wichtig in diesem Artikel zu zeigen, dass es so viele kleine und große Eigenheiten einer Kultur gibt, dass es nicht möglich ist einen Tansanier vollkommen zu beschreiben. Nur indem man unvoreingenommen Zeit mit Menschen in einem anderen Land verbringt ist es ein Stück weit möglich, zu verstehen was es ausmacht ein Tansanier zu sein.