Menschen voller Vorurteile

Begegnet man neuen Menschen, dann ist es nicht unüblich, dass man sich schon ein Bild von ihnen macht, ohne überhaupt ein Wort gewechselt zu haben. Das ist sicherlich nicht immer beabsichtigt. Und doch sind wir Menschen voller Vorurteile. Warum ist das so? Woher kommen Vorurteile? Kann man sie loswerden? Oder brauchen wir Vorurteile vielleicht sogar? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Doch lebt man länger in einem völlig anderen Land, dann kommen einem diese Fragen früher oder später in den Kopf. Was habe ich vielleicht selbst für Vorurteile? Und was denken andere Menschen über Leute meiner Nationalität?

Menschenbegegnung Menschenbegegnung Wir treffen jeden Tag auf etlichen Menschen. Das können schöne Begegnungen sein, aber auch weniger schöne. Die Frage ist, was wir daraus lernen und mitnehmen. [Foto von Benson Tilya, Anna Boessneck, Benson Tilya, Anna Boessneck]

Jeder hat Vorurteile. Auch, wenn manche das Gegenteil behaupten. Denn meistens ist es einem nicht einmal bewusst. Man lernt eine neue Person kennen und kategorisiert oder bewertet diese anhand den herausstechendsten Merkmalen, ohne dass man es vielleicht beabsichtigt. Es steckt schon im Begriff selbst. „Vorurteil: Ein Urteil, das einer Person oder einer Menschengruppe [...] zuteilwird, bevor einem die zur Beurteilung stehenden Fakten zu Verfügung stehen.“ (Quelle s.u.) Man urteilt ohne sein Gegenüber überhaupt zu kennen. Dabei ist der Begriff sehr negativ konnotiert und die meisten stimmen wohl zu, das Vorurteile zu haben eher schlecht ist. Und doch hat sie jeder ab und zu. Warum ist das so? Möglicherweise hat jemand einmal eine schlechte Erfahrungen mit einer bestimmten Person gemacht und diese Erfahrung wiederholte sich bei einer weiteren Person, die das gleiche Merkmal aufweist. Das mag zufällig so sein, vielleicht aber auch nicht. Vorurteile alleine schaden niemanden. Vielleicht kennt jemand den Spruch: „Die Gedanken sind frei.“ Sie schaden erst, wenn man von Vorurteilen so voreingenommen ist, dass man davon überzeugt ist, dass sie stimmen. Man stempelt Menschen oder Menschengruppen ab, wobei sie vielleicht überhaupt nicht so sind, wie man denkt. Dabei wird die Chance verpasst jemanden richtig kennenzulernen und wertvolle Erfahrungen zu machen. Erst wenn einem bewusst wird, dass man ein Vorurteil gegenüber jemandem oder einer Personengruppe hat, kann man es ablegen. Man überwindet mögliche Gefühle der Distanz und des Unverständnisses und erfährt, wie das Gegenüber wirklich ist. Manchmal erfordert es Geduld und viel Offenheit. Doch lässt man sich ein, wird man überrascht, lernt dazu und erweitert seinen Horizont. Und manchmal lernt man, dass sich Vorurteile auch erfüllen können. Doch wenn man den einen Schritt nach vorne nicht macht, dann weiß man es nie.

Ein weit verbreitetes Vorurteil über TansanierInnen ist, dass sie faul und unpünktlich sind. Deutschland ist ein Land, das eine klare Struktur hat und sehr nach der Uhr geht. Meistens weiß man genau, wann man zur Arbeit erscheint und wann man wieder nach Hause geht. Man braucht dieses einheitliche System, um sich untereinander zu verständigen. Da es außerdem eines der wirtschaftlich führenden Länder ist, gehören relativ lange, intensive Arbeitszeiten, ein klares System und Pünktlichkeit dazu. Ein Deutscher, der all dies gewohnt ist, ist natürlich erst einmal verwundert über die Arbeits- und Lebensweise der TansanierInnen. Er sieht auf den ersten Blick nur, dass sie zu Treffen viele Minuten zu spät kommen, halbherzig arbeiten und lange brauchen, um Dinge geregelt zu bekommen. Vielleicht kennt er einige TansanierInnen, bei denen er dies feststellte. Wenn er sich an diesem Punkt nicht weiter mit dem Thema beschäftigt und auch nicht weiter denkt, entsteht ein allgemeines Bild von TansanierInnen. Jetzt denkt er vielleicht, dass alle faul und unpünktlich sind. Er verallgemeinert von den wenigen TansanierInnen, die er traf, zu der Bevölkerung eines gesamten Landes. Und wenn er nun auf andere Tansanier trifft hat er dieses eine bestimmte Bild von ihnen im Kopf. Vielleicht erzählt er Freunden und Bekannten von seinen Erfahrungen. Klar denken jetzt viele Menschen in seinem Umfeld, dass TansanierInnen unpünktlich und unzuverlässig sind. Sie haben nun auch Vorurteile und sind sich dessen eventuell nicht bewusst. Wenn sie selbst einmal nach Tansania fliegen, sehen sie diese möglicherweise bestätigt, wenn auch nur wenige der Tansanier dieses Stereotyp erfüllen.

Aber was wäre, wenn jemand von ihnen länger in Tansania leben würde und sich mehr mit den Menschen beschäftigen und austauschen würde? Vielleicht würden sie merken, dass es in Tansania eine ganz anderes Lebensgefühl gibt. Es stimmt: Oft kommen Menschen zu spät und es scheint als gehe alles viel langsamer voran. Doch sieht man genauer hin, fängt man etwas mehr an zu verstehen: Wozu macht man sich selbst manchmal so unnötigen Druck? Man braucht sich selbst nicht noch mehr auferlegen, was man nicht sowieso schon bewältigen muss. Jeder scheint zu wissen: Nimm den Tag wie er kommt. Und wenn du verschläfst: alles gut. Dadurch wird die Arbeit, die du zu tun hast nicht schlechter. Es ist ein spezielles Lebensgefühl, das mit einer gewissen Gelassenheit zu tun hat. Als wäre das Motto „Carpe diem and keep calm“ die Grundstimmung. Es lässt sich nicht leugnen, dass tansanische Menschen in ganz anderen Verhältnissen leben. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb das Ego-denken kleiner ist, und viel mehr ein Gefühl der Gemeinschaft und des gegenseitigen Helfen herrscht. Natürlich ist das nicht immer und überall so. Tatsächlich kommt es genau wie in Deutschland auch und überall auf der Welt zu Reibereien zwischen Gruppen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, Menschen oder Familien. Und genau wie in Deutschland wollen letztendlich Rechnungen bezahlt und Ziele erreicht werden. Doch kommt man als Deutscher nach Tansania, dann sieht man als erstes Unterschiede. So ist es nun einmal mit Vorurteilen. Hat man sie, dann ist es zu Anfang nicht immer einfach sich von einem bestimmten Bild zu lösen. Und deshalb ist es auch umso wichtiger sich länger und geduldig mit einer anderen Kultur zu beschäftigen.

Vorurteile zu haben funktioniert in allen Richtungen. Zwischen nationalen Gruppen, innerhalb einer nationalen Gruppe, innerhalb von Familien, zwischen Menschen mit anderen Berufsgruppen, Musikgeschmack, politischem Interesse und, und, und. Um aber mal einen Eindruck zu bekommen, wie Vorurteile zwischen TansanierInnen und Deutschen aussehen können, haben wir Interviews mit Personen aus jeweils diesen Ländern geführt:

Tabelle 1


(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteil 28.10.2019.)