„Tanzanians are rich, but they don’t know it“

Diesen Satz habe ich hier so oder so ähnlich bereits mehrmals gehört. Erstaunt hat mich das vor allem, weil diese Aussage zunächst vielleicht wie die naive Vorstellung klingt, man müsse den Leuten lediglich zeigen, wie sie bestimmte Dinge zu tun haben und alles würde sich zum Guten wenden. Eigentlich meint dieser Satz aber noch viel mehr.

Chicken Buisness Chicken Buisness 500 Küken bei meiner (Fabians) Gastfamilie [Foto von Fabian Welke, Fabian Welke]

Diesen Satz habe ich hier so oder so ähnlich bereits mehrmals gehört. Erstaunt hat mich das vor allem, weil diese Aussage zunächst vielleicht wie die naive Vorstellung klingt, man müsse den Leuten lediglich zeigen, wie sie bestimmte Dinge zu tun haben und alles würde sich zum Guten wenden. Eigentlich meint dieser Satz aber noch viel mehr. Ein Großteil der Tansanier arbeitet im sogenannten Informellen Sektor. Laut Wikipedia bezeichnet das den Bereich der Volkswirtschaft, der in keine Statistik eingeht, also ein naturgemäß unklar definierter Begriff, der meist Kleingewerbe umfasst, die sich zwar im legalen Rahmen bewegen, aber ohne staatliche Registrierung funktionieren. Da man dieses Phänomen in Deutschland nicht so direkt kennt und die Definition an sich schon zu theoretisch und langweilig klingt, versuche ich im Folgenden einen Einblick über diese Art des Geldverdienens zu geben.

Konkret handelt es sich dabei nämlich größtenteils um den An- und Verkauf von Lebensmitteln innerhalb der unmittelbaren Nachbarschaft. Über Mundpropaganda bekommen so beispielsweise alle im Stadtviertel mit, dass es am nächsten Samstag Hühner zu verkaufen gibt, fahren vorbei – und kommen leider zu spät, da an die 100 Tiere binnen einer halben Stunde verkauft wurden. Auf diese Weise Geschäfte zu machen, bietet also ausgezeichnete Erfolgschancen, wenn man weiß wie es geht. Beispielsweise betreibt Neema, meine Gastmutter, neben dem Verkauf ausgewachsener Hühner auch eine Kükenzucht und hält mehrere Dutzend Legehennen. Weitere Einkommensquellen sind beispielsweise der Anbau und Verkauf von Obst und Gemüse oder daraus hergestellten Säften. Wie sie selbst sagt, erkennt sie die Nachfrage nach einem Produkt sofort und weiß sie zu bedienen.

Dabei muss man immer das subjektive Empfinden der Kunden im Hinterkopf behalten, welches sich stark vom Umgang mit Geld in Deutschland unterscheidet. Ein wichtiger Teil dieser Wahrnehmung ist das Gefühl, dass viele kleine Geldbeträge kein Problem darstellen und ausgegeben werden können, ohne dass man sich über die Finanzen Gedanken macht. Ab einer gewissen Geldmenge, die überall unterschiedlich definiert wird, gilt etwas aber als teuer, was in vielen Fällen einem „unbezahlbar“ gleichkommt. Daher sind auch die Tagestarife bei Handy- und Internetverträgen deutlich beliebter als Wochen- oder gar Monatsabos, auch wenn Letztere in der Gesamtrechnung günstiger wären. Aber jeden Tag 500 tansanische Shillingi(TSH) auszugeben, fühlt sich preiswerter an als einmal im Monat 10.000 TSH zu bezahlen. Gleiches gilt für Tankstellen, an denen in den allermeisten Fällen nur ca. 10 Liter gezapft werden – das Auto wird quasi nie vollgetankt. Das Gefühl, was als teuer oder preiswert empfunden wird, hat also unmittelbaren Einfluss auf das Kaufverhalten.

Wer das erkennt, kann mit diesem Wissen gutes Geld verdienen. Im Falle meiner Gastmutter lief das beispielsweise folgendermaßen ab: Sie erzählte mir, die Leute würden viel zu wenig Gemüse essen, weil man einige Gemüsesorten nur im Kilo kaufen könne. Das wäre natürlich zu teuer, weshalb sie kurzerhand große Mengen einkaufte, klein schnitt und in kleine Plastikschalen verpackte. Innerhalb von wenigen Stunden hatte sich das herumgesprochen, sämtliches Gemüse wurde verkauft und es war wieder Platz in unserem Kühlschrank.

Aber wie gesagt, man muss genau wissen, was man wann verkauft, wie man seine Ideen umsetzt und wie man sich einen guten Ruf erarbeitet. Man muss das Potential kennen und den Mut haben, überhaupt erst einmal „größere“ Geldmengen zu investieren. Sicherlich kann dabei viel schiefgehen, bei niedrigeren Einkommen ist schneller die eigene Existenz gefährdet und den Ehrgeiz für diese Arbeit kann nicht jeder aufbringen. Wenn Mama Neema also sagt: „Tanzanians are rich, but they don’t know it“, dann meint sie damit auch das Potential, das jeder Mensch in sich trägt, um das Beste aus der eigenen Situation zu machen.

Faul zu sein, geht in Deutschland nicht direkt mit einer prekären Lebenssituation einher, man kann es sich leisten, nichts zu tun und kommt damit durch. Faulheit fällt der deutschen Gesellschaft weniger auf. In Tansania ist, aufgrund von verschiedensten äußeren Umständen, an vielen Stellen die Eigenverantwortung höher, entweder man nimmt die Dinge selbst in die Hand oder es passiert nichts.

Ich hoffe, dass dies den Begriff des (selbstverständlich noch deutlich komplexeren) Informellen Sektors anschaulicher macht und einen Einblick in die Arbeitsweise vieler Tansanier geben kann. Ohne jede Unterstützung „von oben“ zu arbeiten, ist sicherlich nicht für jeden hier eine Option, dennoch funktioniert es vielerorts sehr gut. Mich beeindruckt die Fähigkeit, so viele Dinge gleichzeitig zu tun und trotzdem fast jeden Tag neue Ideen zu haben und umsetzen zu können. Informell heißt eben nicht unprofessionell.