Wer die Insel zusammenhält

Ich laufe durch die engen Gassen Stonetowns, lasse mich treiben und meine Gedanken schweifen. Und ich frage mich: Was ist es wohl, was die Leute an ihrem Job gefällt? Und was nicht? Für diesen Blogeintrag habe ich acht Menschen diese Fragen gestellt.

Machungwa Machungwa Orangenverkäufer [Foto von Sara Seemann, Sara Seemann]

Ich laufe durch die engen Gassen Stonetowns, lasse mich treiben und meine Gedanken schweifen.

Passiere spielende Kinder, deren Fußball gerade unter lautem Gegröle in einen kleinen Laden fliegt und das halbe Regal leerräumt. Ich höre Dosen und Säcke auf den Betonboden fallen. Das Gelächter der Jungs erstarrt und erschrocken warten sie ab, was nun passiert. Wutschnaubend springt die Besitzerin hinter der Theke hervor und verscheucht sie mit einer Handbewegung bevor sie beginnt die Lebensmittel wieder ins Regal zu räumen.

Eine alte Frau, in viele bunte Tücher gehüllt, sitzt vor einem Hauseingang, begrüßt mich und ihren Worten folgt ein zahnloses Lächeln. Sie verkauft Mangos, die stapelweise neben ihr aufgetürmt sind.

Es ist bereits nachmittags und der Geruch von gegrillten Fleischspießen liegt in der Luft. Aus einem geöffneten Zimmer über mir dröhnt Musik und unbewusst summe ich die Melodie mit.

Eine braun getigerte Katze liegt faul unter einer Bank im Schatten. Wir haben eine Gemeinsamkeit: auch ihr ist es zu warm. Vor ihr liegt ein halb abgenagtes Gerippe eines Fisches.

Ich laufe vorbei an einer Gruppe Männer, die lautstark und gestikulierend um einen Fernseher versammelt sind und ein Fußballspiel schauen.

In einem Café an der nächsten Ecke entdecke ich eine Familie mit roten Köpfen schweigend über ihre Eisbecher gebeugt. Das schmelzende Eis tropft von ihren Löffeln. Auf ihrem Tisch liegt eine Stadtkarte von Stonetown, die ihnen bei dem Labyrinth an schmalen Straßen kaum helfen wird.

An einem Stand kaufe ich mir zwei lecker duftende Sambosas. Das Fett der gefüllten Teigtaschen durchtränkt die Papierserviette und bildet einen Film an meinen Fingern. Besser schnell essen.

An der Ampel ist ein Lehrer gerade dabei seine Schüler über die Straße zu lotsen. Nach allen Seiten stieben die Kinder auseinander. Die Röcke ihrer Uniformen wehen im Wind und ein rennendes Schulmädchen stolpert über die Hacke einer Arbeiterin, die sie neben sich abgelegt hat, um sich für einen Moment den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Abgelenkt von einem Flugzeug, das tief über die Stadt hinwegfliegt, wäre ich fast in einen wartenden Motorradfahrer samt Fahrzeug gelaufen. Ich lege eine Vollbremsung hin woraufhin Staub aufgewirbelt wird, der die Leute hinter mir in eine Wolke hüllt.

Hinter der nächsten Kurve schlängele ich mich durch eine Horde Touristen. Die Gruppe ist präpariert mit Hüten und Fotoapparaten und ihre Sonnencreme-Gesichter glänzen. Sie folgen einem einheimischen Tourguide, der dabei ist, ihnen auf Französisch etwas über die Besonderheiten der Holztüren zu erzählen. Sie hängen an seinen Lippen und fotografieren eifrig.

Ich setze mich auf eine Treppenstufe neben einen jungen Mann, der seine Orangen schält. Sie liegen in einem Wagen und einige Schalenreste verteilen sich um ihn auf dem Boden.

Ich schließe für einen Moment die Augen, atme den frischen Duft ein und beobachte dann wieder unauffällig den Tourguide. Mit viel Enthusiasmus bringt er ihnen die Geschichte Stonetowns näher.


Und ich frage mich: Was ist es wohl, was ihm an seinem Job gefällt? Und was nicht? Für diesen Blogeintrag habe ich acht Menschen diese Fragen gestellt.

Yussuf, 31, Fischer in Kizimkazi: „Ich bin gern Fischer, auch wenn es anstrengend ist. Ich mag das Gefühl die Menschen mit Essen zu versorgen. Mein Vater war auch schon Fischer. Meine Frau bereitet den Fisch dann für uns zu. Zum Glück kann sie gut kochen. “

Sabra, 28, Lehrerin, unterrichtet Schüler*innen im Alter von 12-16 Biologie und Geographie: „Ich unterrichte sehr gerne denn es erfrischt meinen Geist, verbessert mein Selbstbewusstsein und lässt alle schlechten Erinnerungen vergessen. Manchmal fühlt es sich so an als wären es meine eigenen Kinder, indem ich ihnen helfe auf den richtigen Weg zu gelangen. Leider ist das Gehalt sehr schlecht, das mag ich nicht an meinem Job.“

Lukmaan, 32, Motorradfahrer (transportiert Menschen): „Ich mag an meinem Job draußen zu sein und Motorrad zu fahren. Das macht mir viel Spaß, denn dabei fühle ich mich frei. Aber die Konkurrenz ist groß, es gibt so viele Bodaboda-Fahrer hier. Außerdem sind die Straßen schlecht und der Verkehr ist wild. Es kann schnell gefährlich werden“

Elisha, 35, Tourguide: „Ich mag den Job, weil ich unterschiedliche Leute treffe und sozusagen mein Land vertrete, indem ich den Gästen unsere Geschichte erzähle. Was ich nicht mag ist die Art und Weise wie wir als junge weibliche Tourguides von der Gesellschaft behandelt werden. Die sagt nämlich großteils, dass wir keine Tourguides sein können. Und auch wie die Familien uns behandeln bezüglich unserer Religion. Da heißt es nämlich oft, dass wir nicht mit Männern interagieren dürfen. Meine Familie sagt: Du wirst niemals verheiratet werden. Es ist nicht einfach als muslimische Frau für sich selbst sorgen zu wollen.“

Farid, 20, Kellner in einem Café in der Stadt: „Es ist eine sehr entspannte Arbeit. Die Gäste sind sehr nett und es ist selten wirklich stressig. Mit dem Geld kann ich meine Eltern unterstützen, das macht mich stolz. Außerdem kann ich mein Englisch verbessern, da die meisten Gäste ausländische Touristen sind. Hier am Forodhani ist außerdem immer was los. Wenn es wenig zu tun gibt schaue ich mich gerne um und beobachte die Leute.“

Safira, 48, hält öffentliche Grünflächen instand: „Ich arbeite nicht gerne an der belebten Straße hier. Wir haben zwar auch Mundschutz, aber das hilft glaube ich nur wenig. Es ist anstrengend in der Hitze zu arbeiten. Aber ich kümmere mich gerne um unsere Stadt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich dazu beitragen kann, dass sie sauberer und schöner ist.“

Ahmed, 43, Aviation Doctor: „Mein Job ist es sicherzustellen, dass die Flugzeug-Crew selbst sicher ist und die sie Passagieren helfen können. Ich bringe ihnen bei wie sie sich im Ernstfall während eines Fluges verhalten müssen, dazu zählt Erstickung, Herzanfall, Geburten an Bord etc. Sie müssen trainiert werden, um im Ernstfall den Passagieren zu helfen. Was ich an meinem Job liebe ist Menschen zu helfen und der Gemeinschaft zu dienen, zu wissen, was dem Patienten fehlt und ihm so zu helfen. Was ich jedoch nicht mag ist, wie andere über Ärzte oft denken. Wir werden auch müde, krank und haben selbst Probleme. Wir sind keine Superhelden“

Jamilla, 48, Inhaberin eines kleinen Dukas auf dem Dorf: „Ich verkaufe hier in meinem Geschäft alltägliche Lebensmittel. Ich mag es, dass hier meine Nachbarschaft vorbeikommt und wir ein bisschen erzählen können, wenn sonst nichts los ist. Oft kommen Kinder vorbei und kaufen Süßigkeiten. Leider kommt durch den Laden nicht viel Geld zusammen, deshalb brauche ich einen zweiten Job: Hin und wieder nähe ich für meine Nachbarinnen Kleider um. Das habe ich damals von meiner Mutter gelernt und das macht mir viel Spaß. Mein Mann ist leider krank, deswegen kann er nicht viel arbeiten. Es ist sehr belastend für mich.“


Am Ende des Tages und acht Geschichten später sitze ich dort, wo ich so oft schon gesessen habe: Direkt am Forodhani Gardens in der Altstadt am Meer. Der Park, in dem abends Essensstände aufgebaut werden ist beliebt bei Touristen. Langsam füllt sich der Platz und für mich wird es Zeit nach Hause zu gehen. Noch warte ich, bis auch der letzte Sonnenstrahl hinter dem Horizont verschwunden ist.


Nachsatz: Natürlich kann keine einzelne Aussage ein Berufsfeld oder eine ganze Religion abbilden. Nichtsdestotrotz handelt es sich hierbei um Meinungen, die es wert sind gehört zu werden. Es sind Aussagen, die aus den Erfahrungen der jeweiligen Personen herrühren und ihre persönliche Realität abbilden. Sie waren bereit mit mir, einer für sie unbekannten Person, offen darüber zu sprechen. Die Leserin/der Leser sollte sich bewusst sein, dass eine Meinung nicht ein ganzes Spektrum eines Berufsfeldes oder einer Religion darstellen kann. Sie ist ein Teil des Ganzen.