Wie lang soll mein Freiwilligendienst im Ausland sein?

Auf den Bildungsmessen, die sich mit dem Zeitraum nach der Schule und während des Studiums beschäftigen, gibt es immer ein großes Angebot an Auslandsaufenthalten von Freiwilligendiensten: über Work-and-Travel bis zu Au-Pair-Jobs. Manche preisen eine Zeitspanne von drei Monaten für solch einen Aufenthalt als ideal, manche erklären, dass ein ganzes Jahr eigentlich immer noch zu wenig ist und manche versprechen, dass schon fünf Wochen absolut ausreichen. Aber: Wie lang sollte ein Freiwilligendienst idealer Weise sein?

Ist ein Jahr genug, um diese wahnsinnige Vielfalt aufzunehmen? Ist ein Jahr genug, um diese wahnsinnige Vielfalt aufzunehmen? African Urban Skyline [Foto von Julian Ruoff, Julian Ruoff]

Auf den Bildungsmessen, die sich mit dem Zeitraum nach der Schule und während des Studiums beschäftigen, gibt es immer ein großes Angebot an Auslandsaufenthalten von Freiwilligendiensten: über Work-and-Travel bis zu Au-Pair-Jobs. Manche preisen eine Zeitspanne von drei Monaten für solch einen Aufenthalt als ideal, manche erklären, dass ein ganzes Jahr eigentlich immer noch zu wenig ist und manche versprechen, dass schon fünf Wochen absolut ausreichen.

Mit dem folgenden Text möchte ich versuchen mit objektiven Argumenten, ergänzt durch subjektive Erfahrungen, ein paar Anhaltspunkte für die Entscheidung für die richtige Zeitspanne zu geben und die meiner Meinung nach beste Dauer für einen Auslandsaufenthalt zu begründen.

Bei vielen ist diese Entscheidung durch Faktoren wie Geld oder Zeit begrenzt, hier setze ich voraus, dass nur die Destination Ostafrika festgelegt ist (an anderen Orten gibt es, beispielsweise durch das Visum, wieder andere Einschränkungen).

Fünf Wochen bis drei Monate: Im Grunde genommen ist das meiner Meinung nach sehr nah an einem Ferienjob, den man statt in Deutschland im etwas weiter entfernten Ausland macht. Untergebracht wird man mit anderen teils internationalen Kurzzeitfreiwilligen in Hostels und das An- und Abreisedatum ist freigestellt. Durch den dadurch entstehenden regen Wechsel an Freiwilligen gibt es eigentlich immer einige, die sich bereits auskennen und den „Neuen“ die Umgebung und die Arbeitsstelle näherbringen können. Mehrmals in der Woche wird ein Sprachkurs angeboten, in dem man die Swahili-Basics lernt. Allerdings darf man sich nicht zu viel erhoffen, weil aufgrund des regen Wechsels immer wieder bei null begonnen werden muss. Durch das eher westliche Umfeld mit einer schon bekannten Sprache (Englisch in internationalen Hostels, Deutsch in den Hostels von deutschen Organisationen) findet man schnell Anschluss und kann mit der Arbeit beginnen.

Soweit so gut. Leider muss man aber auch einige negative Punkte beachten. Viele stellen sich vor, dass sie nach Afrika gehen und dort einiges umkrempeln. Man sollte sich aber vor Augen halten, dass wie immer gilt: Andere Länder, andere Sitten und dann bleibt man eben nur für drei Monate. Von diesen Drei, bleiben aber, weil man Eingewöhnungszeit braucht und Urlaub machen möchte, maximal zwei zum Arbeiten, bei kürzeren Aufenthalten noch weniger.

Ich selbst war nach drei Monaten noch gar nicht richtig angekommen, mein Swahili reichte gerade aus, um auf den Straßen zurechtzukommen und bei der Arbeit wurden meiner Mitfreiwilligen und mir hauptsächlich administrative Büroaufgaben zugeteilt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch gar keine Idee, wie ein eigenes Projekt aussehen könnte, weil ich noch nicht ausreichend verstanden hatte, wie die Gesellschaft funktioniert und an welchen Stellen es einen Bedarf geben könnte. Fast alle Kurzzeitfreiwilligen, die ich kennengelernt habe, meinten zum Ende hin, dass sie gerne noch mehr Zeit im Land verbracht hätten. Sie freuten sich aber auch vor allem nach der Zeit ohne viel Privatsphäre in Gruppenschlafräumen der Hostels auf ihre eigenen vier Wände. Außerdem sollte man aufpassen nicht an eine der kommerziellen Organisationen zu geraten, die den Freiwilligendienst vor allem im Sinne des eigenen Gewinnes anbieten. Bei diesen bezahlt man teilweise mehrere tausend Euro pro Monat von denen allerdings nicht viel bis gar nichts bei den NGOs in Ostafrika ankommt, obwohl es sogar teilweise so versprochen wird.

Fünf bis sechs Monate: Bisher habe ich erst wenige kennengelernt, die solch eine Zeitspanne in Ostafrika verbringen bzw. verbrachten. Viele der vorher genannten Organisationen bieten zwar bis zu sechs-monatige Aufenthalte an, allerdings kann ich verstehen, wenn einem sechs Monate im Hostel zu viel werden. Die andere Möglichkeit sind Freiwilligenhäuser. Dass man in Gastfamilien untergebracht wird, habe ich bis dato noch nicht gehört. Wenn man allerdings so lange in einem Land verbringt, steigt man schon etwas mehr in die Kultur ein. Wenn man möchte, erlernt man ein wenig mehr der Sprache durch die sich einige weitere Türen öffnen. Die Leute begegnen einem viel freundlicher, vielleicht schließt sich eine lokale Freundschaft... Auch bei der Arbeit findet man Stellen an denen sinnvoll etwas verändert werden könnte und kann mehr eingebunden werden. Auch wenn sechs Monate nach ziemlich viel klingen, wären die Freiwilligen, die ich kenne, im Nachhinein doch gerne länger geblieben. Zum Beispiel um die Sprache noch ein wenig besser zu erlernen oder noch ein kleines Projekt auf Eigeninitiative durchzuführen.

Ich selbst hatte das Gefühl nach dem ersten halben Jahr so langsam angekommen zu sein. Auf der Straße unterhielt ich mich mehr und mehr, wodurch meine Sprachkenntnisse nochmal einen Sprung machten. Bei der Arbeit fand ich mich mit den Abläufen zurecht und begann Ideen für interessante Projekte zu entwickeln.

Ein ganzes Jahr: Viele dieser Aufenthalte haben das weltwärts-Programm als Träger, das die Freiwilligendienste mit etwa 75 % unterstützt, wodurch die Kosten für den Freiwilligen häufig vergleichbar mit denen eines dreimonatigen Aufenthalts sind. Das Jahr verbringt man entweder in einer Gastfamilie oder wohnt alleine oder zu zweit in einem Freiwilligenhaus. In der Gastfamilie steigt man natürlich schneller in die Sprache und die Kultur ein, vor allem wenn diese wenig oder sogar gar kein Englisch spricht. Ohne Gastfamilie ist es mit viel Eigeninitiative natürlich auch möglich. In diesem Jahr lernt man die Menschen und das Land bis in die nicht touristisch erschlossenen Regionen kennen und schätzen. Man erkennt die lokalen Unterschiede, trifft auf viel Gastfreundschaft, kommt über die Sprachkenntnisse in interessante Konversationen und kann spontane, unvergessliche Reisen in die unerschlossensten Ecken des Landes unternehmen. Es gibt aber auch ein großes Argument dagegen: Wenn man die Hürde überwunden hat, sich bereits gut ein Jahr zuvor mit dem Thema zu beschäftigen und sich noch lange vor dem letzten Schul-/Unitag anzumelden und erste Vorbereitungen zum Beispiel für das Visum zu treffen, dann bleiben einem kaum zwei Monate nach dem Abitur zum Entspannen und Urlaub machen, die dann auch noch voll mit Seminaren und Sprachkursen sind.

Noch bevor man das Jahr abgeschlossen hat und über die Rückkehr nachdenken kann, sollte man sich eigentlich schon für einen Studiengang entschieden und sich für diesen eingeschrieben haben. Allerdings machen viele wie ich dieses Jahr, nicht nur weil es eine tolle Gelegenheit ist, die sich nicht mehr oft im Leben ergeben wird, sondern auch weil wir noch nicht wissen, wie wir den Rest unseres Lebens gestalten wollen. Wenn man also gerade voll in dem Land lebt, viel arbeitet und seine Zeit genießt, soll man nun über ein ganz anderes Thema nachdenken und eine so weit reichende Entscheidung treffen? Das ist schwierig. Angenommen man hat sich entschieden und einen Studienplatz bekommen, steht man nun vor dem Dilemma, dass einem noch knappe zwei Monate bleiben, minus dem von weltwärts vorgegebenen und sinnvollen Abschlussseminar des Jahres, um alles für das Studium vorzubereiten. Zum Beispiel eine Wohnung oder WG zu suchen, falls nötig ein Auto zu kaufen und die vielen kleinen Aufgaben, die immer dann kommen, wenn es gerade gar nicht passt. Das alles soll trotzdem nicht von den wahnsinnig tollen Erfahrungen ablenken, die einem nur ein ganzes Jahr bieten kann.

Was könnte also die perfekte Zeitspanne sein? Mit den meisten mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, konnte ich mich auf neun bis zehn Monate einigen. Viele der Kurzzeitfreiwilligen meinten zwar, dass ihnen das zu lang erscheint, ich glaube aber, dass sie ihre Meinung bei einem längeren Aufenthalt ändern würden. In dieser Zeit würde man die Sprache zu einem ausreichend Grad erlernen und alle damit kommenden Vorteile wahrnehmen. Man kann bei der Arbeitsstelle sinnvoll mithelfen und es bleibt genügend Zeit um die hinteren Ecken des Landes zu erfahren. Vor dem Studienanfang bleiben vier Monate, um alles Wichtige zu organisieren und nebenher vielleicht auch noch einen kleinen Ferienjob zum Geldverdienen zu finden, sodass man die Eltern nicht zu sehr belasten muss. Leider ist dieser Wunsch ziemlich utopisch, weil weltwärts nur ganzjährige Aufenthalte unterstützt und damit neun bis zehn Monate für die meisten unbezahlbar sind. Deswegen würde ich persönlich jedem der sich die Zeit nehmen kann ein ganzes Jahr empfehlen. Das kommt nicht nur auf dem Lebenslauf gut, sondern vor allem die unzählbar vielen, einzigartigen Erfahrungen sind unbezahlbar.

Falls Euch dieses Thema noch weiter interessiert gibt es hier noch einen interessanten Artikel aus der Jugendzeitschrift „Campus“ der Zeit: [http://www.zeit.de/2017/42/gap-year-abiturienten-auslandsaufenthalt-auslandserfahrung]


Fast jeder der Ostafrika bereist hat, hat eine Safari gemacht, aber das ist nur ein kleines, sehr touristisches Highlight. Während einer längeren Zeitspanne bekommt man noch viel mehr Eindrücke. [Foto von Julian Ruoff]