Zwischen Feldarbeit und Karriere

Tansanische Frauen. Was zeichnet sie aus? Wie sehen sie sich selbst und welche Rolle spielen sie in Tansania?

Samia Suluhu Hassan - Tansanias erste weibliche Vizepräsidentin Samia Suluhu Hassan - Tansanias erste weibliche Vizepräsidentin Seit sie am 5. November 2015 eingeschworen wurde, amtiert Samia Suluhu Hassan an der Seite von Präsident John Pombe Magufuli als erste weibliche Vizepräsidentin Tansanias. [Foto von Tom Gitaa mit Erlaubnis von Samia Suluhu Hassan, Gitaa, Tom. Meet Samia Suluhu Hassan, Tanzania’s first ever female vice president aus Mshale -The African Community Newspaper. https://mshale.com/2015/11/13/meet-samia-suluhu-hassan-tanzanias-female-vice-president/]

Zu Beginn ein paar Fakten: 70% der Frauen in Tansania sind in der Landwirtschaft tätig und ein ebenso großer Anteil ist für die Nahrungsproduktion verantwortlich. Sie bringen im Durchschnitt 4,8 Kinder zur Welt und stellen 36% der derzeitigen ParlamentarierInnen. Zum Vergleich, in Deutschland sind momentan 30.7% der Bundestagsabgeordneten Frauen.

In unserem Alltag erleben wir viele sehr unterschiedliche und einige sehr starke und selbstbestimmte Frauen. Sowohl unsere Chefin als auch die Hälfte des Teams von Sharing Worlds Tanzania (SWT), unserer Arbeitsstelle, sind Frauen. Fieke wohnt bei einer alleinerziehenden Mutter und Gyde bei einer Großmutter und ihren Enkeln. Für diesen Artikel haben wir drei inspirierende Frauen interviewt.

Pendo ist die Geschäftsführerin von SWT und somit unsere Chefin. Zusammen mit ihrem Mann, der in Mwanza arbeitet hat sie drei Kinder.

Witness ist 22 Jahre alt und Fiekes älteste Gastschwester. Sie hat Forstwirtschaft studiert und mit ihrem zukünftigen Mann eine kleine einjährige Tochter.

Upendo ist eine von Gydes Gast-Tanten. Sie arbeitet an einem College in Kyela am Malawisee und ist nebenbei eine echte tansanische Businesswoman.


Was fällt dir zuerst zu ‚tansanischen Frauen‘ ein? Was sind typische Charakteristiken einer tansanischen Frau?

Pendo: Es gibt verschiedene Arten tansanischer Frauen, dörflich und städtisch. Auf dem Land dominieren noch traditionelle Geschlechterrollen - Frauen leben und kleiden sich traditioneller. Die Frauen sind für den Haushalt und die Familie (das ‚Drinnen‘) zuständig und die Männer sind draußen in der Öffentlichkeit unterwegs. Doch das sind die Frauen eigentlich auch, denn sie kümmern sich um die Felder und viele halten auch ein paar Tiere, z.B. Hühner. Außerdem sind die dörflichen Frauen meist wenig gebildet (Grundschulbildung). Im urbanen Raum sind Frauen zwar auch noch für den Haushalt zuständig, doch die Meisten sind selbstständig, haben ihr eigenes Business oder sind bei jemandem angestellt. Sie haben dann meist eine sogenannte ‚Dada‘, die sich um Haus und Kinder kümmert, während sie arbeiten.

Witness: Viele tansanische Frauen arbeiten sehr hart, z.B. hacken sie Feuerholz, holen Wasser und erledigen alle Arbeit während sie ein Baby auf dem Rücken tragen. Die meisten Frauen auf den Dörfern haben wenige Freiheiten, ihre Gefühle und Meinungen auszudrücken und führende Positionen einzunehmen. Viele Frauen sehen es als ihre Pflicht, sich um Haus und Kinder zu kümmern.

Upendo: Tansanische Frauen sind geduldig und ausdauernd, auch in schwierigen Lebenssituationen, sie lieben und umsorgen ihre Familie, Nachbarn und Gemeinschaft. Frauen arbeiten hart, z.B. auf dem Feld und/oder sie haben ein kleines Business, um ihre Familie zu ernähren.

Sind Frauen und Männer in Tansania deiner Meinung nach gleichberechtigt?

Pendo: Nein, das sind sie nicht. Besonders auf dem Land werden die Rechte von Frauen oft eingeschränkt, besonders darin, ihre Meinung auszudrücken und damit gehört zu werden. Sie müssen Gewalt ertragen und manche Männer erlauben ihren Frauen nicht, dass Haus zu verlassen, um zu arbeiten.

Upendo: Trotz Kampagnen von Regierung, NGOs und anderen internationalen Institutionen für mehr Gleichberechtigung der Geschlechter werden tansanische Frauen und Mädchen immer noch ausgegrenzt. Kulturell bekommen Männern immer noch mehr Respekt als Frauen. Besonders auf dem Land fehlt Frauen der Zugang zu Bildung und Führungspositionen und sie kommen in Entscheidungsprozessen oft nicht zu Wort. In manchen Stammeskulturen können Frauen keine Clanchefs werden, da sie nicht erben können.

Werden Töchter und Söhne unterschiedlich behandelt? Bekommen sie z.B. unterschiedliche Aufgaben zugeteilt?

Pendo: Mädchen und Jungs sind in der Grundschule meist noch gleichberechtigt, doch auf die weiterführende Schule gehen oft mehr Jungs als Mädchen, da die Mädchen immer mehr im Haushalt eingespannt werden und deshalb weniger Zeit zum Lernen haben.

Witness: Die meisten Frauen lieben ihre Söhne besonders, z.B. bekommt ein Sohn sehr leicht die Erlaubnis etwas zu machen oder auszugehen ohne das nachgefragt wird, während eine Tochter die Erlaubnis nicht bekommt. Schultaschengeld für Töchter und Söhne ist auch unterschiedlich.

Upendo: Töchter und Söhne werden nicht gleich behandelt. Söhne sollen Führungskräfte werden und Mädchen Hausfrauen. Nach der Schule z.B. wird von Mädchen erwartet, dass sie ihrer Mutter im Haushalt helfen, während Söhne Zeit zum Lernen haben. Manchen Familien ist die Bildung ihrer Söhne wichtiger als die ihrer Töchter. Söhne werden als wertvoller gesehen, z.B. bei Entscheidungen in Familienangelegenheiten. Sie sollen den Familiennamen weiter tragen, während die Tochter heiraten und einen anderen Familiennamen annehmen sollen.

Was sind die größten Schwierigkeiten für Mädchen und Frauen in Tansania?

Witness: Manche Stämme verheiraten ihre Töchter sehr früh und manche Männer sehen Frauen nur als Sexobjekt. Außerdem haben Frauen wenig zu sagen, was das Schicksal ihrer Kinder angeht, z.B. ob ein Mädchen weiter zur Schule gehen darf oder nicht, denn in manchen Stämmen gehören die Kinder nur dem Vater und nicht der Mutter. Mädchen dürfen ihren Eltern nicht wiedersprechen und viele Ehefrauen erleben häusliche Gewalt. Bei Stämmen wie den Massai werden noch junge Mädchen beschnitten, damit sie heiratswürdig sind. Dieser Brauch hat viele schwerwiegende gesundheitliche Folgen für die Mädchen, manche sterben daran.

Upendo: Es gibt zahlreiche Fälle in denen Frauen von ihren Männern Gewalt erfahren oder unfair behandelt werden. Sie werden oft sexuell belästigt und ihr Recht auf Besitz und Land wird ihnen häufig verwehrt. (70% der Frauen arbeiten in der Landwirtschaft, doch nur 27% von ihnen besitzen Land.) Nach dem Tod eines Angehörigen werden Frauen bei der Erbschaft oft benachteiligt und im Fall des Todes ihres Mannes werden manche ihres Landes und anderer Familienbesitztümer enteignet. Oft werden Frauen nicht als gleichberechtigt angesehen und Frauen, die als „zu stark“ wahrgenommen werden, gelten als unanständig und ihnen werden mangelnde weibliche Merkmale vorgeworfen.

Meinst du es ist in deinem Arbeitsbereich schwieriger für eine Frau einen Job zu bekommen als für einen Mann?

Witness: Ja, es ist schwierig, besonders in der Arbeit mit natürlichen Ressourcen. Meist werden die Jobs an Männer vergeben, weil die Arbeitgeber denken, dass Frauen nicht hart arbeiten könnten.

Was wurde bisher unternommen, um (mehr) Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen?

Upendo: Mittlerweile gehen mehr Mädchen zur Schule und sie werden an den weiterführenden Schulen gefördert. Im ganzen Land gibt es zudem erfolgreiche Aktionen und Kampagnen, um auf Gleich-, bzw. Ungleichberechtigung aufmerksam zu machen und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Zahl der Frauen in hohen Führungspositionen steigt, zurzeit amtiert die erste weibliche Vizepräsidentin! Auch die Polizei hat eine Abteilung für Fälle um Geschlechterungleichheit und Gewalt aufgrund von Geschlechterkonflikten. Außerdem gibt es verschiedenste Vereine von Frauen unterschiedlicher Berufsgruppen, um andere Frauen und Mädchen zu unterstützen und die Anzahl der Frauen in Berufen, die ursprünglich als typisch für Männer angesehen wurden, steigt. Wir haben z.B. Ingenieurinnen, Mechanikerinnen, Elektrikerinnen und viele weitere.

Hast/Hattest du im Laufe deines Lebens weibliche Vorbilder?

Pendo: Seit der Grundschule waren meine Lehrerinnen meine Vorbilder. Sie waren starke Frauen, die gleichzeitig unterrichteten und sich um die Schüler kümmerten und ihre Probleme verstanden. Ich wurde nach der Grundschule auf einer Militärschule angenommen, dort gab es starke Frauen im Militärdienst die mir das Gefühl gaben, ich bin stark und kann etwas erreichen! Später traf ich die Gründerin und Chefin des Faraja Trust Fund Morogoro, eine starke Frau, die diese Organisation leitet und so der Gemeinschaft hilft. Das wollte ich auch tun.

Upendo: In der Zeitung las ich die Geschichte von Hadija Simba. Sie ist eine tansanische Frau, die ein Unternehmen für Damenbinden hatte. Ich war inspiriert von dieser Frau und sehe sie immer als eine Person, von der ich lernen kann.

Wie ist es für dich, eine tansanische Frau zu sein? Wurdest du schon einmal auf Grund deines Geschlechts diskriminiert?

Pendo: In der Schule habe ich keine Diskriminierung erlebt. Bei der Arbeit sind es kleine Sachen, z.B. das sich Menschen, die mich nicht kennen, unter einem Executive Director einen starken Mann vorstellen und dann überrascht sind, mich zu sehen. Ich muss mich dann als Frau erst ein Stück weit beweisen, doch das kann ich.

Witness: Nicht wirklich, aber als Schulkind wurden wir manchmal von den Lehrern Wasser holen geschickt und selbst wenn ich zuerst am Fluss war musste ich auf einen Jungen warten, damit er für mich Wasser schöpft.

Upendo: Ich wuchs in einer armen Familie mit sieben Töchtern und keinem Sohn auf. Meine Mutter hatte nicht die Möglichkeit zur Schule gehen, weil ihre Eltern nur die Söhne zur Schule schickten. Da wir nur Mädchen zuhause waren, wurde ich als Kind nie wegen meines Geschlechts diskriminiert. Aber meine Mutter erfuhr weniger Respekt von Verwandten und Freunden, weil sie keinen Sohn hatte. Meine Eltern ermöglichten es mir zur Schule zu gehen. Ich nutzte diese Chance gut und absolvierte ein Lehramtsstudium am College. Später heiratete ich und bekam eine Tochter. Ich blieb nicht lang in der Ehe, da mein Mann sehr gewalttätig war. Ich wurde von meiner Schwiegermutter gerettet, als er versuchte mich mit einem Messer zu verletzen. Ich verließ meinen Mann und entschied mich, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich schrieb mich an einer Universität für ein Bachelor- und später auch ein Masterstudium in Unternehmensentwicklung und Entrepreneurship ein. Zurzeit bin ich als Dozentin an einem College angestellt. Außerdem betreibe ich einen kleinen Laden für Haushaltsartikel und werde bald eine Eventfirma eröffnen. Ich glaube noch immer, dass ich eines Tages, wie Hadija und viele andere, unter den erfolgreichen Frauen Tansanias sein werde.


Quellen: Women and Man – Facts and Figures: Participants in the International Training Program Gender Statistics 2018; National Bureau of Statistics UN Women – Tanzania. http://africa.unwomen.org/en/where-we-are/eastern-and-southern-africa/tanzania CIA - The World Factbook: Tanzania. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/tz.html Gitaa, Tom. Meet Samia Suluhu Hassan, Tanzania’s first ever female vice president aus Mshale -The African Community Newspaper. https://mshale.com/2015/11/13/meet-samia-suluhu-hassan-tanzanias-female-vice-president/