Ich bin zwar ein Rassist, aber...

An einem bedeckten Donnerstag Nachmittag im regenzeitlichen Njombe begann ich, mich intensiver damit zu beschäftigen, was es bedeutet, weltwärts-Freiwilliger zu sein. Dabei fiel mir zu meiner eigenen Überraschung auf, dass ich den Begriff "Rassismus" noch nicht einmal zweifelsfrei für mich selbst definieren konnte. Da ich jedoch finde, dass Rassismus ein Thema ist, zu dem jede_r Stellung beziehen können sollte, habe ich mich also mit einer Tasse Tee und der richtigen Lektüre auf die Couch gehockt um mich endlich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Dabei habe ich schnell erkannt, dass das Thema zu komplex ist, als dass es bei einer Tasse Tee geblieben wäre. Selbstverständlich spiegelt der Text nur die aus meiner limitierten Perspektive entstandene Haltung wieder und wiederholt mitunter Dinge, die vorher schon von vielen anderen Menschen gedacht, gesagt, geschrieben und gesungen wurden. Er ist deswegen vielleicht eher als eine Art "Was ich auch gerne mal sagen wollte" zu verstehen. Also dann. Was ich auch gerne mal sagen wollte:

Seelenruhe am Wasserfall Seelenruhe am Wasserfall Weil mir alle anderen Bild-Ideen zu klischeebelastet vorkamen, habe ich mich einfach für ein Foto meines Rückens entschieden. [Foto von Oliver Würfl, Oliver Würfl]

Rassismus ist scheiße. Rassismus spaltet. Rassismus zerstört. Rassismus verletzt. Rassismus ist... was eigentlich? Außer scheiße. Rassismus ist Privileg, Macht und Kolonialismus. „Was ist mit positivem Rassismus?“, werden die fragen, die an so etwas glauben. Rassismus ist nie positiv. Rassismus ist Diskriminierung. Das Konzept, Menschen einer anderen Herkunft irgendwie doof zu finden, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. So richtig trendy wurde die ganze Sache dann aber erst ab Ende des 15. Jahrhunderts, als der Rassismus unter europäischen Kolonialmächten auf Tournee ging und Welterfolg verzeichnete. Der Erfolg war so maßgeblich, dass er die globalen Machtstrukturen und Denkmuster bis heute nachhaltig geprägt hat. Kolonialherr_innen, „Entdecker_innen“ und Sozialdarwinist_innen sind die OGs des Rassismus, wie wir ihn heute kennen und leben. Den Begriff Rassismus gilt es auf zwei unterschiedliche Weisen zu definieren: zuerst auf der individuellen und gruppenbezogenen Ebene und anschließend auf der strukturellen, machtpolitischen Ebene. Im Individualfall definiert sich Rassismus als diskriminierende Ungleichbehandlung einer oder mehrerer Personen aufgrund ihrer biologischen und kulturellen Merkmale, oder auf der Grundlage ihrer (zugeschriebenen) Herkunft. Dabei ist es nicht verwerflich, einen vorverurteilenden Gedanken zu haben (dafür kannst du nichts – aber mehr dazu später). Rassistisch wird es, wenn auf diesen Gedanken eine Handlung folgt. Eine Handlung ist dabei im weitestmöglichen Sinne zu verstehen. Ein kleines Beispiel: Du sitzt in der Bahn und dir setzt sich ein Mann mit einem beneidenswert vollen Kinnbart, einer Kofia auf dem Kopf und einer Kamera um den Hals gegenüber. Du denkst dir: "Ui. Das hab ich schonmal im Fernsehen gesehen! Das ist ein Tourist!" Jetzt – und ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals so schreiben würde – steigen Benjamin Libet und Arthur Schopenhauer mit ein. Irgendwie. Die beiden haben auf ihrer Suche nach der Existenz eines freien Willens Ideen geliefert, die auch hier von Nutzen sein könnten. Schopenhauer legt vor, indem er sagt, dass der unfreie Wille aus dem Unterbewusstsein entspringt und somit nicht von dem Menschen beeinflusst, sondern nur noch gerechtfertigt werden kann. Libet ergänzt jedoch, dass für die menschliche Vernunft immer noch die Möglichkeit besteht, den „unbewussten Willen“ mit einem „bewussten Unwillen“ zu kontrollieren, zu intervenieren und Verantwortung zu übernehmen.**** Für das Beispiel bedeutet das jetzt, dass du nicht für deinen vorverurteilenden, kategorisierenden Gedanken über Touristen verurteilt werden kannst. Du hast immer noch die Vernunft, diesen Gedanken in deinem Kopf zu behalten und zu hinterfragen. Wenn du aber aufgrund des Gedankens plötzlich anders handelst – sei es, dass du schreiend wegrennst; nur einen flüchtigen, misstrauischen Blick zu deinem Mitreisenden wirfst; oder deinen Kamerad_innen abends am Lagerfeuer erzählst, dass du heute in der Bahn jemanden gesehen hast, der wie ein Tourist aussah – wird die Handlung, mangels vernunftbegabten Eingriffes, rassistisch. Wenn alle Menschen ihre rassistischen Gedanken in ihren Köpfen behalten und sie niemals aufschreiben, aussprechen oder ausleben würden, gäbe es keinen Rassismus. Ein Gedanke muss gelebt werden, um zu existieren. Nur leider ist das Leben nicht immer so einfach.


Kommen wir also zum globalen Rassismus. Jenem Rassismus, der sich aus Macht und privilegierter Position zusammensetzt. Dem Rassismus der Weißen. Dem Rassismus des Kolonialismus. Die postkoloniale Theoretikerin Grada Kilomba***** hat das mal in drei Schritten ganz gut auf den Punkt gebracht. Der berühmt-berüchtigte Dreisatz des Rassismus. Zuerst geht es darum, eine Norm zu schaffen, die zwangsläufig in Differenz resultiert. Die Norm wird von denjenigen vorgegeben, die Macht besitzen. Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Niemand. Weil der Weiße Mann die Macht hat. Alle, die das Privileg besitzen, der Norm zu entsprechen, sind jene, die die Menschheit repräsentieren. Politik, Wissenschaft, Geschichte, Kultur. Alle, die nicht das Privileg haben, der Norm zu entsprechen, sind „Die Anderen“. Nicht selten existieren Orte und ihre Geschichte für die Weltordnung erst dann, wenn weiße „Entdecker_innen“ mit ihnen in Kontakt gekommen sind. Nicht selten werden Kulturen, die nicht aus dem machtvollen Teil der Erde ausgehen, exotisiert und im (post-)kolonialen Kontext reduziert. Und immer noch teilen die eurozentristischen Normgeber_innen die Welt nach ihren machtpolitischen Vorstellungen ein: „entwickelt“ und „unterentwickelt“; „entwickelnd“ und „zu entwickeln“. Der Begriff der „Entwicklung“ fasst den zweiten Schritt des strukturellen Rassismus auch ganz gut zusammen: Hierarchie. Es genügt nicht, dass es eine Norm gibt. Es genügt nicht, dass Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen, als „anders“ angesehen werden. Sie sind dadurch auch noch schlechter. Wenn diese Unterscheidungen dann in politischer, sozialer und ökonomischer Übermacht resultieren, nannte sich das Kolonialismus. Und jetzt schau dich um. Noch immer wird jene Übermacht ausgelebt und durch die Macht der Vorurteile begründet. Das nennt sich Postkolonialismus. Postkolonialismus ist übrigens nicht, wenn sich dein Postbote ungefragt bei dir einnistet und dich dazu zwingt, ihm Fritzkola zu bringen, in deinem Keller nach Gold zu graben und in deinem Garten H&M-Pullis anzupflanzen. Postkolonialismus ist die strukturelle und institutionelle Fortsetzung rassistischer Machtpolitik, die während der europäischen Kolonialzeit etabliert wurde. Der Rassismus des Kolonialismus. Der Rassismus der Weißen.


Dabei ist natürlich kein Mensch rassistisch geboren. Rassismus ist nämlich nichts Natürliches. Rassismus wird gelernt. In der Schule bekam ich oft genug beigebracht, dass jedes historische Ereignis und jede Wissenschaft von weißen Männern gemacht und gedacht worden sei. In Filmen, Werbungen und der Öffentlichkeit wurde mir klar gemacht, dass weiß zu sein das Ideal ist und alles „Andere“ wurde exotisiert. Für die, die in einem dominanten, privilegierten Umfeld aufwachsen, wird die Macht natürlich. „Aber was soll denn dieser ganze Selbsthass der Weißen? Genießt doch einfach das Leben. Ist doch alles gut – und ein Stück weit ist das doch auch richtig, dass alle wichtigen Errungenschaften aus dem Westen stammen.**“ Seufz. Kopfschüttel. Darin liegt das Problem. Wenn wir nie aufhören, alles zu klassifizieren, an Normen zu messen und hierarchisch zu beurteilen, werden wir die postkolonialen Strukturen, die unseren institutionellen Rassismus ausmachen, niemals loswerden.

Es geht nicht darum, sich selbst zu hassen. Es geht darum, alle Menschen gleich zu lieben.


*1 Zu Zeiten europäischer „Entdeckungsreisen“ waren zwar ausschließlich Männer Seefahrer, jedoch hatten Aristokratinnen und Monarchinnen wie die spanische Königin Isabella I. oder Queen Victoria durch finanzielle Unterstützung auch ihre Finger im Spiel. **2 Original Gangster – Personen, die eine Bewegung mitbegründen oder jene Bewegung von Anfang an unterstützen. ***3 „Wo kommst du her? - Also ich meine, wo kommst du wirklich her?“ ****4 Vgl.: Precht, Richard David (2007): Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Frankfurt: GOLDMANN, S.154f. *****5 Kilomba, Grada (2008): Plantation Memories: Episodes of Everyday Racism Münster: Unrast. ******6 Nein.