Schwarzsein und Weißsein auf Spendenplakaten

„Die Plakate haben einen wichtigen Anteil, wie in Deutschland Schwarzsein und Weißsein konstruiert wird“ – „Schwarzsein wird dabei als Gegenpol zu Weißsein dargestellt“

Spendenplakat von Caritas & Du Spendenplakat von Caritas & Du Ein Beispiel zur Darstellung zum Schwarzsein auf Spendenplakaten [Foto von Caritas und Du, http://leanderweiss.blogspot.com/2017/11/die-regenzeit-ist-da.html]

Aus »Filmemacher« von Philipp Khabo Koepsell (einem Spoken Work Performer in einem filmischen Interview):

"Ich afrodeutscher Korpus, Träger deutscher Lasten

Strandgut des Atlantiks, Träger deutscher Masken

Ich, ich klage an, die deutschen Medien der Massen,

die aus jedem Schwarzen Mann nen neues (PIEP) »Neger«image machen.

Medien verschaffen sich das Image weißer Westen,

um am besten alles vorher auf den Litfasssäulen zu testen

und dann, dann verfolg mal Film und Fernsehen, guter Gott!

Ich meine Werbung, Boulevardblätter, Blockbuster, ... Stopp!

Wisch den Staub von der Glotze und lies zwischen den Kanälen;

Sie werfen Würze in den Mainstream, wenn die Quoten fehlen."

Den ganzen Text kann man hier auf Seite 17 in dem Lehrbuch »Koloniales Erbe?! – Afrika in den Medien und Rassismus heute« – vom Welthaus Bielefeld weiterlesen. (1)


Beim Zwischenseminar, im Januar hier in Dar es Salaam, bin ich auf einen interessanten Artikel („Schicken Sie Zukunft!“, Weiß- und Schwarzsein auf Plakaten von Hilfsorganisationen, von Carolin Philipp und Timo Kiesel, 2007), aufmerksam geworden, der mich weiter zu dem Film „White Charity“ geführt hat. Der Film „White Charity“, ebenfalls von Carolin Philipp und Timo Kiesel (2013), handelt vom Schwarzsein und Weißsein auf Spendenplakaten und beginnt mit folgenden Sätzen (2):

„In Deutschland werben Hilfsorganisationen jährlich mit zehntausenden Plakaten um Spenden“

„Durch kein anderes Medium erreichen die Hilfsorganisationen mit ihren Botschaften so viele Menschen“

„In fast allen Plakaten werden Menschen in afrikanischen, in lateinamerikanischen oder asiatischen Ländern dargestellt“

„Die Plakate haben einen wichtigen Anteil, wie in Deutschland Schwarzsein und Weißsein konstruiert wird“

„Schwarzsein wird dabei als Gegenpol zu Weißsein dargestellt“

Der Film beruht auf mehreren Interviews von verschiedenen Parteien, Vertretern von Hilfsorganisationen und Wissenschaftlern, die über Entwicklungszusammenarbeit, koloniale Fantasien, Rassismus und Machtstrukturen diskutieren:

 - PD Dr. Aram Ziai, Politikwissenschaftler, Zentrum für Entwicklungsforschung, Bonn

 - Danuta Sacher, ehemalige Leiterin Politik und Kampagnen, Brot für die Welt

 - Dr. Grada Kilomba, Psychoanalytikerin und Autorin, Humboldt Universität, Berlin

 - Prof. em. Dr. Klaus-Peter Köpping, Ethnologe, Universität Heidelberg

 - Peggy Piesche, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Hamilton College New York

 - Philipp Khabo Köpsell, Dichter und Spoken Word Künstler, Berlin

 - Sascha Decker, Pressesprecher Kindernothilfe

Die Vertreter der Hilfsorganisationen befinden sich gewissermaßen in einem Zwiespalt. Einerseits sind sie der Meinung, dass Menschen in ihrer Würde zu zeigen seien, in ihrer Stärke, in ihrer Kraft und nicht in ihrer Opferrolle. Dennoch soll auch für Sympathie geworben werden, mit den Plakaten als Hingucker. Sascha Decker (Kindernothilfe) sagt zum Beispiel auch: „Wir müssen diese Spitze, die wir in unserer Kommunikationspyramide haben, […] nutzen, um Menschen für unsere Arbeit zu gewinnen“, (White Charity, Minute 34:25). Und laut Danuta Sacher (Brot für die Welt) ist der Gedanke der Barmherzigkeit Teil vom Menschsein, Teil vom christlichen Selbstverständnis. Und das Wichtige sei, die Barmherzigkeit mit dem Gerechtigkeitsgedanken zu verbinden, weil die Menschen ein Recht darauf haben, ein Leben in Würde zu führen (White Charity, Minute 36:43). Sascha Decker redet davon, dass ein Grat in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Werbung beschreitet werden muss. Es müsse deutlich gemacht werden, wie dramatisch die Lebensumstände manchmal seien und „wo Kinder tatsächlich richtig Opfer sind“, dennoch, so Decker, sollen die Plakate nicht offenkundig verletzend sein und gleichzeitig müsse auch deutlich gemacht werden, wo die Perspektiven sind („White Charity“, Minute 39:16).

In dem Artikel „Schicken sie Zukunft!“, zum gleichnamigen Film, ist ein Zitat von der Filmemacherin Pratibha Parmer, welches die Wirkung von Bildern beschreibt: „Bilder spielen eine entscheidende Rolle bei der Definition und Kontrolle politischer Macht, … Das zutiefst ideologische Wesen der Bilderwelt bestimmt nicht nur, wie andere über uns denken, sondern auch, wie wir über uns selbst denken.“ (3)

»Da visuelle Medien einen Beitrag zur Wirklichkeitskonstruktion leisten sowie gesellschaftliche Vorstellungen prägen, kann davon ausgegangen werden, dass die Abbildungen auf den Spendenplakaten eine hohe Wirkkraft besitzen […] und somit die Vorstellungen von Schwarz- und Weißsein sowie vom afrikanischen Kontinent entscheidend beeinflussen.« Verena Halbig, 2013 (4)

Werbung arbeitet mit Stereotypen, die eine klare Trennung zwischen dem WIR und dem ANDEREN machen. Dr. Grada Kilomba erklärt, das WIR komme immer zusammen mit Mitleid. Welches sich als Norm ausgebildet hat, als Normalität und als Zentrum. Das WIR sind die, die sehen.
Die ANDEREN werden immer in Zusammenhang mit Schwärze gebracht. Als die, die am Rand stehen, die anders sind, die nicht sehen, sondern die angesehen werden („White Charity“, Minute 8:38). PD Dr. Aram Ziai betont auch, dass die Entwicklungshilfeindustrie von dieser Differenz zwischen Entwickelten und weniger Entwickelten lebe. „Sie muss die schwierige Aufgabe erfüllen, einerseits immer zum geringer werden dieser Differenz beizutragen, aber andererseits muss sie diese Differenz immer Reproduzieren, gerade auch mit Medialer Repräsentation, um ihr institutionelles Eigeninteresse zu sichern, und arbeitet deswegen natürlich auch mit den Bildern der Kinder in Lehmhütten und nicht mit den Bildern der Metropolen und den glitzernden Hochhäusern“ („White Charity“, Minute 9:35). Doch Bilder sind assoziiert mit einer Bedeutung und erstellen so ein falsches Bild, sie machen die Menschen zu etwas, was sie nicht sind. Wir betrachten zum Beispiel die Menschen Afrikas, wie durch eine Brille, alle gleich ohne Individuen. Die Bilder verallgemeinern ganze Kulturen, Länder, Gesellschaften, zu der einen Person auf dem Plakat.

Die Darstellung von Schwarz ist oft ursprünglich, krank, kindlich, ungebildet, kollektiv, schweigend. Die Darstellung von Weiß ist das genaue Gegenteil, modern, gesund, erwachsen, individuell, sprechend.

Es wird ein Bild geschaffen, welches einen Kontinent verallgemeinert. „Die nächste Generation Afrikas ist bereits im Objektstatus, wird zur Passivität, kann nicht groß, schon gar nicht groß werden ohne unsere Hilfe und bleibt ein Körper, der nur über Hilfe definiert werden kann“, Peggy Piesche („White Charity“, Minute 17:04). Würde man in den Bildern das Schwarze durch das Weiße ersetzen, würde es nicht mehr die gleiche Wirkung haben, so Dr. Grada Kilomba („White Charity“, Minute 22:08). Durch bestimmte Eigenschaften, wie Hautfarbe, Kleidung und Hintergrund, die den Menschen auf den Plakaten gegeben werden, werden die Dargestellten, räumlich und zeitlich klar entfernt vom Deutschland des 21. Jahrhunderts verortet („Schicken Sie Zukunft!“). Während Bilder von Weißen mit Namen ergänzt werden, werden „Schwarze und People of Colour (PoC)“ instrumentalisiert und als austauschbar dargestellt („Schicken Sie Zukunft!“). Dr. Grada Kilomba sagt auch, „die „Aid Industry“ ist tatsächlich daran gescheitert, Anti-Rassismus-Arbeit als Teil ihrer Politik zu integrieren. Einerseits arbeite sie an der Ungleichheit zwischen Nord und Süd, an der Ungerechtigkeit zwischen denen, die kolonisiert haben und denen, die kolonisiert wurden. Gleichzeitig aber basieren alle ihre Kampagnen auf der Förderung von kolonialen Fantasien und somit auf der Aufrechterhaltung von Rassismus.“ („White Charity“, Minute 43:36).

»[…] Durch das Plakat werden jedoch koloniale, diskursiv vermittelte Denkmuster weiter verfestigt, statt andere Realitäten von Afrika zu zeigen und damit vorhandene Bilder aufzubrechen und zu erweitern. Durch die Bildsprache des Plakats fühlen sich Migrantenorganisationen als gleichberechtigte Partner_innen in einem entwicklungspolitischen Diskurs nicht ernstgenommen. Mit diesem offenen Brief fordern wir Sie auf, in der Entwicklungszusammenarbeit mit afrikanischen Ländern andere Motive bzw. eine andere Bildsprache zu verwenden.« Auszug aus einem Offenen Brief des Entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationszentrums e.V. EPIZ, Berlin, an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Mai 2013. (5)

„Während WissenschaftlerInnen, RssismusforscherInnen und AktivistInnen auf die Aktualität des Themas verwiesen, stellten sich die Organisationen nur in begrenztem Ausmaß der Diskussion. Ihrer Meinung nach ist die aktuelle Darstellung Schwarzer Menschen und PoC auf den Plakaten nicht problematisch, statt dessen sehen sie ihre Werbestrategien als subjektbezogen und würdevoll.“ („Schicken Sie Zukunft!“ zum Film „White Charity“).

Im Großen und Ganzen ist es ein sehr komplexes Thema. Hilfsorganisationen sind an sich nichts schlechtes, es ist gut dass es sie gibt. Aber die Art und Weise wie sie für ihre Spenden werben, ist fragwürdig, auch wenn es bis jetzt gut funktioniert hat. Klar will man so viele Spenden wie möglich eintreiben, aber um welchen Preis? Die Hilfswerke bedienen sich für die Werbung der Klischees, die sie ja eigentlich bekämpfen wollen mit ihren Kampagnen. Es wird ein verfälschtes Bild vermittelt von der Realität.


Fußnoten

(1) Welthaus Bielefeld, 2014, »Koloniales Erbe?! – Afrika in den Medien und Rassismus heute« –
Ein filmisches Interview mit Spoken Word Performer Philipp Khabo Koepsell,
(Minute 7:03, Dauer insgesamt: 11:13 Min.), Aus: Lehrbuch »Koloniale Kontinuitäten II« Unterrichtsmaterial für das Fach Geschichte (Klasse 10-12), Welthaus Bielefeld e.V., Bielefeld, Seite 17

(2) Carolin Philipp und Timo Kiesel, White Charity (Film)

(3) Carolin Philipp und Timo Kiesel, »"Schicken Sie Zukunft" — Schwarzsein und Weisssein auf Plakaten von Hilfsorganisationen.«, 2007. In: „Von Trommlern und Helfern. Beiträge zu einer nicht-rassistischen entwicklungspolitischen Bildungs– und Projektarbeit.“ Hrsg: Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. (BER).

(4) Verena Halbig, Spendenplakate deutscher Hilfsorganisationen aus der Perspektive der kritischen Weissseinsforschung, 2013 aus »Koloniales Erbe?! – Afrika in den Medien und Rassismus heute« – vom Welthaus Bielefeld, Seite 14

(5) Auszug aus einem Offenen Brief des Entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationszentrums e.V. EPIZ, Berlin, an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu einer Kampangne mit dem Namen "Big Five", Mai 2013.