Die Ruhe vor dem Sturm

Es ist Samstag, der 21. März, und 16 Freiwillige des aktuellen weltwärts Jahrganges stehen gerade am Gepäckband des Düsseldorfer Flughafens. “Plötzlich” in Deutschland. “Plötzlich” in einer ganz neuen Situation. “Plötzlich” ist alles anders. In diesem Blogeintrages schildern wir nun unsere Erfahrungen des plötzlichen Abschiedes aus Tansania aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven:

Ein letzter Blick auf Dar es Salaam. Die Ruhe vor dem Sturm? Ein letzter Blick auf Dar es Salaam. Die Ruhe vor dem Sturm? Im Flieger zurück nach Deutschland. Plötzlich in einer unerwarteten Situation. [Foto von Lennart Sillmann, Frei benutzbar für DTP e.V.]

Es ist Samstag, der 21. März, und 16 Freiwillige des aktuellen weltwärts Jahrganges stehen gerade am Gepäckband des Düsseldorfer Flughafen. “Plötzlich” in Deutschland. “Plötzlich” in einer ganz neuen Situation. “Plötzlich” ist alles anders. Auch wenn die weltweite Entwicklung der Coronavirus-Pandemie nicht an uns vorbeigegangen ist und man sich auch in Tansania darüber ausgetauscht hat, wie sich alles entwickeln wird, hätte sich keiner von uns vorstellen können, dass es dann am Ende alles so schnell geht. “Plötzlich” haben sich Pläne wie das Kleinprojekt, weiteres Vertiefen der Suaheli-Künste und das Sammeln von Erfahrungen in Luft aufgelöst.

Es ist der Morgen des Montag, dem 16. März, und wir, die zwei Freiwilligen der Aufnahmeorganisation “ForumCC”, befinden uns gerade in Dar es Salaam, unserer tansanischen Heimatstadt. Noch am Freitagnachmittag haben wir uns mit dem Supervisor zu einem Planungsgespräch für das Kleinprojekt verabredet. Dieses Gespräch soll um ca. 9 Uhr anfangen. Spoileralarm: Dazu wird es nicht mehr kommen, generell wird sich an diesem Tag von jetzt auf gleich alles für uns ändern. In diesem Blogeintrages schildern wir nun unsere Erfahrungen des plötzlichen Abschiedes aus Tansania aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven:


Über Nacht ganz anders

An jenem Montagnachmittag sitze ich in einem, wie um diese Uhrzeit gewohnt, vollen Daladala in die Innenstadt um Lennart, meinen Mitfreiwilligen, im Krankenhaus zu besuchen. Wir sind mitten in der Planung für unser Kleinprojekt, hätten dazu am Morgen mit unserem Supervisor bei ForumCC, unserer Aufnahmeorganisation, ein Gespräch gehabt. Corona? Weit weg – bis vor kurzem zumindest. Per E-Mail kommt die Gewissheit, dass wir in fünf Tagen wieder in Deutschland sein werden. Ich schaue mich um. Wir stehen hupend im Stau, das Daladala ist gut besetzt. Der Konda quetscht sich an den stehenden Fahrgästen vorbei, um das Fahrgeld einzusammeln und wirbt an jeder Station lautstark um neue Fahrgäste. Alles ist genau so, wie ich es seit 8 Monaten kenne. Noch immer scheint das Virus so weit weg zu sein und doch betrifft es uns nun auch unmittelbar.

Natürlich war ich mir der Situation zu Hause in Deutschland oder in Norditalien durch die Nachrichten und Berichte von Freunden und Familie bewusst, auch einige Nachbarländer Tansanias registrierten allmählich auf ihre ersten Coronafälle. Bis dahin war von dem Ausnahmezustand in anderen Teilen der Welt jedoch kaum etwas zu spüren, unser Leben in der kleinen, tansanischen Blase lief weiter wie gewohnt. Bis dahin. Bereits am Vormittag erreichte uns im Office eine Verordnung des Regionalpräsidenten von Daressalam. Schnell wurden alle Kollegen im Office zusammengetrommelt. Von nun an musste unser Office, wie alle öffentlichen Gebäude in Daressalam mit zusätzlichen Möglichkeiten zum Händewaschen und Desinfizieren für Kollegen und Gäste ausgestattet werden. In der Öffentlichkeit sei ein Abstand von 1,5 Metern und die Vermeidung von Körperkontakt zu Fremden dringend empfohlen. Zwei Stunden später ist der erste Coronafall in Tansania offiziell bestätigt. Weitere Maßnahmen lassen nicht lange auf sich warten: Abends in der Gastfamilie erfahre ich, dass alle Schulen in Tansania ab dem nächsten Tag geschlossen werden sollen. Für meine Gastmutter, die privat einen Kindergarten betreibt, bedeutet das eine lange, schwierige Zeit ohne geplante Einnahmen bei weiter laufenden Kosten, zum Beispiel den Gehältern der angestellten Lehrer. Wann der Kindergarten wieder normal geöffnet werden kann, ist offen.

Schon am nächsten Tag macht sich die neue Situation bemerkbar: Das Coronavirus ist auf den Straßen plötzlich überall Gesprächsthema Nummer eins. Boda-Boda-Fahrer und Passanten tragen nun Gesichtsmasken. Auf den Straßen bin ich nur noch selten der Mzungu, stattdessen werde ich nun häufiger mal mehr, mal weniger scherzhaft als Mcorona (wörtlich: Der Corona-Mensch) bezeichnet. Mit der westlichen Welt als momentanes Epizentrum der Pandemie scheint Corona als Stigma des Weißseins nun fest verankert zu sein. Straßenverkäufer verkaufen nun Gesichtsmasken für ein Vielfaches des Normalpreises. Erst nach einer Deckelung der Preise seitens der Regierung rationalisierten sich die Preise wieder etwas, zumindest in den Apotheken. Die Furcht vor dem Virus ist greifbar. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft bietet der dichte Großstadtdschungel Dars dem Virus ideale Bedingungen sich sehr schnell zu verbreiten. Und fraglich ist auch, ob das tansanische Gesundheitssystem einer starken Belastung durch das Coronavirus standhalten würde. Neben der Furcht vor den Auswirkungen des Virus' in Tansania schwingt bei vielen Menschen aber auch Zuversicht mit. Viele afrikanische Staaten haben auch in jüngerer Geschichte immer wieder Erfahrungen mit Pandemien wie zum Beispiel Ebola gemacht und konnten diese letztendlich eindämmen. Warum sollte dies nicht auch für Corona gelten?

Wie sich die Situation in Tansania, wie auch in vielen anderen Staaten Afrikas letztendlich entwickeln wird kann man heute wohl kaum vorhersagen. Gerade weil das Virus noch nicht vollständig erforscht ist und sich der Wissensstand stetig verändert, sind verfrühte Prognosen und Schlussfolgerungen aus meiner Sicht sehr gefährlich. Die tatsächlichen Auswirkungen der Krise werden wahrscheinlich erst viel später sichtbar sein. Bis dahin bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass wir alle heil aus der Krise herauskommen. In Tansania, in Deutschland und im Rest der Welt.


Plötzlich in Deutschland?

So ist es also 9 Uhr am Montagmorgen und ich, Lennart Sillmann, bin schon seit mehreren Stunden wach. Allerdings sitze ich gerade nach der allmorgendlichen Busfahrt nicht im Büro, sondern im Krankenhaus und schlürfe gerade an einer Hühnerbrühe. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde ich im Krankenhaus aufgrund einer Blinddarmentzündung operiert. Ehrlich gesagt hätte ich nie erwartet wegen einer Blinddarmentzündung in Tansania in ein Krankenhaus zu müssen - viel eher hätte ich mir gedacht einmal wegen Malaria in ein Krankenhaus zu müssen. Nun sitze ich gerade in meinem Krankenbett, kämpfe mit der Suppe und meine Gedanken drehen sich um das verpasste Treffen zur Planung des Kleinprojektes. So dreht sich mein Magen um den Inhalt des nährstoffreichen und geschmacksarmen Essen und meine Gedanken um die Planung des Kleinprojekts und um die Koordinierung meines Krankenhausaufenthaltes.

Plötzlich steht die morgendliche Visite der Ärzte vor meinem Bett und neben medizinischer Details wird erwähnt, dass es den ersten bestätigten Coronafall in Tansania gibt. Ich werde darüber informiert, dass ich im Laufe des Tages auf ein anderes Zimmer verlegt werde und das Krankenhaus erste Kapazitäten zur Vorbereitung schafft. Neben der Hühnersuppe muss ich nun diese Information verdauen und ein Gedanke, der in den letzten Wochen immer nur im Hintergrund des Kopfes herumgeschwirrt ist und dem ich keine größere Aufmerksamkeit geschenkt habe, wird immer omnipräsenter: Was ist, wenn wir nun wegen der aktuellen Situation ausreisen müssen? Im Laufe des Tages kommen mich unterschiedliche Bekannte und Freunde besuchen, um zu sehen, wie es mir im Krankenhaus ergeht. Edgar, unser Betreuer in der Aufnahmeorganisation kommt zu Besuch und wir unterhalten uns über das verpasste Treffen zur Planung des Kleinprojektes. Alles ist kein großes Problem und wird weitergeführt. So zumindest der Plan. Zur Mittagszeit werde ich vom Krankenhaus darüber informiert, dass ab dem nächsten Morgen nur noch eine eingetragene Person an mein Krankenbett kommen darf und so langsam erscheint es meinem leicht sedierten Kopf, dass die Situation wohl doch etwas ernster ist als gedacht. Am Nachmittag kommt dann die Nachricht: das BMZ spricht die Empfehlung aus, dass alle Entsendeorganisationen ihre Freiwilligen zurück nach Deutschland holen.

Die erste Reaktion auf diese Nachricht ist eine Art der Fassungslosigkeit. Es ist unvorstellbar, dass von jetzt auf gleich alles vorbei ist. Darüberhinaus ist es auch unvorstellbar, dass eine Institution über mich entscheiden kann und so einfach mein Jahr beenden kann. Ich bin fassungslos darüber, dass sich alles, was man sich in den letzten Monaten aufgebaut hat und für die nächsten Monate geplant hat, plötzlich in Luft aufgelöst hat. Irgendwie möchte man das alles nicht wahrhaben.

Diese erste Reaktion wird von Psychologen in der Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses auch als Phase der Leugnung oder des Nicht-wahrhaben Wollens beschrieben. Denn mit dem abrupten Abbruch des Jahres holt uns Freiwillige eine Realität ein, die wir uns in dieser Art und Weise nicht hätten vorstellen können. Die Realität ist, dass Covid-19 sich auf der ganzen Welt ausbreitet und wir Freiwilligen im Endeffekt auch nur Dienstleistende für das BMZ sind und uns so den Anweisungen des Ministeriums beugen müssen. Ein Gefühl des Kontrollverlusts setzt ein, aber immer noch möchte man es nicht wahrhaben, dass irgendein Mensch in Deutschland über mich und meine Pläne entscheiden kann.

Gedanken wie: “Wie kann jemand in Deutschland wissen, wie die Situation in Tansania überhaupt ist?” oder “Ist es jetzt wirklich alles vorbei?” drehen sich im Kopf und Gefühle zwischen Wut und Traurigkeit setzen ein. So setzt nach der ersten Verarbeitungsphase, laut Definition der Schweizer Psychologin Verena Kast, die zweite Phase der aufbrechenden Emotionen ein. Ein Emotions-Chaos entsteht, in dem Betroffene unterschiedlichste Emotionen zwischen Wut und Trauer verspüren. Als diese Phase bei mir einsetzt, ist es im Krankenhaus mittlerweile Abend geworden. Beim Verzehr einer Gemüsebrühe zum Abend drehen sich verschiedenste Gedanken und Emotionen in meinem Kopf.

Die dritte Phase der Trauer beschreibt die amerikanische Ärztin Kübler-Ross als Phase des Verhandelns. In der Trauer oder Auseinandersetzung mit dem Tod oder einer Krankheit stellt sich der Mensch Fragen zum Umgang mit der Diagnose, verhandelt innerlich und erzeugt Hoffnungen. Retrospektiv zeigte sich diese Phase mit Gedanken an eine Rückkehr nach Tansania, wenn die Krankheit vorbei ist. Ob für eine Reise, ein Praktikum oder einen Freiwilligendienst. Für viele Freiwillige hat der plötzliche Abschied ein Gefühl der Unvollständigkeit hervorgerufen: Das Jahr ist noch nicht zu Ende und nicht abgeschlossen – und doch geht es zurück nach Deutschland. Sich innerlich einen Deal auszuhandeln, um sich wenigstens nur einem vorübergehenden Abschied von Freunden und der Gastfamilie entgegenzustellen, ist ein Verarbeitungsprozess und vereinfacht den Abschied. Während andere Freiwillige auch noch die Möglichkeiten hatten sich Gedanken zu machen, was man als Andenken und Geschenke mitnimmt, liege ich noch im Krankenhaus und werde so gut wie möglich aufgepäppelt, um das Krankenhaus so früh wie möglich zu verlassen. Mittlerweile ist man so weit isoliert wie es geht, da ein Krankenhaus ein recht “guter” Ort ist für einen Kontakt mit dem Virus und generell hat man nach einer Operation ein erhöhtes Infektionsrisiko. Soziale Kontakte oder Besuch der tansanischen Familie (in normalen Fällen werden Patienten in Tansania von vielen Familienangehörigen besucht) dürfen nicht mehr stattfinden und meine sozialen Interaktionen gehen nicht über die Medikamentenvergabe, die Vergabe von flüssigen Essen und dem gelegentlichen Rufen der Pfleger zum Entfernen des Katheters, um zu laufen, hinaus. Ab und zu kommt auch noch ein betreuender Arzt vorbei um den Heilungsprozess zu checken.

In der Psychologie spricht man bei der Bewältigung von Umbrüchen im Leben noch von zwei weiteren Phasen der Trauer: von der Depression und Akzeptanz. In der Depression kommt es dann zum Verständnis und dem Zenit der physischen und psychischen Belastungen. Es ist klar, dass man Tansania in dieser Art und Weise 'zu früh' verlassen muss und all seine Pläne über Bord werfen muss. Der Aufenthalt im Krankenhaus und der Kontakt zu den Menschen dort hat ziemlich klar dargestellt, warum wir in Deutschland sehr wahrscheinlich sicherer sind. Noch am Sonntag als ich eingewiesen wurde, habe ich mich mit der Ärztin in der Notaufnahme darüber unterhalten, inwiefern Covid-19 eine Herausforderung für das tansanische Gesundheitssystem sein wird. Hier hatte mir die junge Ärztin versichert, dass viele Krankenhäuser Vorsichtsmaßnahmen einleiten und vorbereitend tätig sind. So hingen auch schon im Aga Khan am Empfang und in der Notaufnahme viele Aufklärungsschilder über die Symptome und Behandlung. Allerdings schien diese scheinbare Gewappnetheit sich in eine dezente Angst oder Vorsicht gewandelt zu haben, da ab dem ersten Fall landesweit das soziale Leben eingeschränkt wurde. In meinem Fall habe ich dies nur über den beschränkten Kontakt und in Aussagen von Pflegern durch ihren Respekt in der Stimme erfahren. Denn das tansanische Gesundheitssystem hat leider nicht die Kapazität an Intensivbetten, Ausrüstungen und trainiertem Personal für eine flächendeckende Bekämpfung des Virus. Selbst im Aga Khan Krankenhaus, dem einzigen Krankenhaus in Tansania, dass mit dem 'Gold Standard' der US-amerikanischen NGO Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations ausgezeichnet ist, stehen nur begrenzte Kapazitäten zur Verfügung.

Zwei Tage vor Abflug hieß es dann wieder zurück in die Außenwelt und somit zurück in die Realität. Die angenehme Hitze der Stadt, Stau, Straßenverkäufer, Daladalas, Motorradtaxen, alles war wie gewohnt. Das typische tägliche Treiben in, auf und neben den Straßen. Menschen die von A nach B unterwegs waren. Das Erstaunliche ist, wie normal alles erscheint, aber dennoch alles anders ist. Denn Covid-19 ist ein omnipräsenter Begleiter, der sich paradoxerweise und gewissermaßen nur im Hintergrund aufhält aber trotzdem immer präsent ist. So konnte man schon erste Menschen mit Masken sehen und erste Straßenverkäufer boten schon Masken und Desinfektionsmittel zum Verkauf an.

Dieser allgegenwärtigen aber auch unsichtbaren Präsenz des Virus und seine gesundheitliche, soziale und ökonomische Gefahr für Menschen auf der ganzen Welt ist in den letzten Monaten immer deutlicher geworden. An dieser Gefahr spiegelt sich aber wieder, wie privilegiert wir als Nord-Süd Freiwillige sind. Denn auch wenn all unsere Pläne in Tansania durch den Rückruf “zerstört” wurden, haben wir das Privileg in ein Land zurückzukehren, in dem wir gesundheitlich, sozial und ökonomisch abgesichert sind. Währenddessen stehen Arbeitskollegen, Freunde und Gastfamilie in Tansania vor einer unklaren Zukunft im Bezug darauf, welche Schäden die Pandemie hinterlässt.



Wer sich zur aktuelleren Situation in Tansania mehr erfahren möchte findet hier auf noch ein paar Links zum weiterlesen: https://www.bagamoyo.com/index.php?id=907 https://www.deutschlandfunkkultur.de/corona-in-tansania-und-suedafrika-afrika-hat-von-anderen.979.de.html?dram:article_id=474672