Eine schwüle Sommernacht in Zanzibar

Wie läuft eigentlich eine arabische Hochzeit ab? Ich nehme dich mit auf eine kleine Reise in die Kultur und Bräuche im traumhaften Zanzibar.

In der Moschee In der Moschee Ein kurzer Schnappschuss vor der Zeremonie [Foto von Maximilian Bethmann-Wemmer, Foto von Maximilian Bethmann-Wemmer (Copyright nicht erteilt)]

Der Sonnenuntergang in Zanzibar beginnt und der Himmel legt sich in einem Dunkelrot bis Orange verfärbten Schleier über das malerische Stone Town, der Beginn der Blauen Stunde, ein wunderschönes und einzigartiges Naturphänomen. Heute erfüllt dieses Schauspiel nicht nur die Herzen derer, die sich daran erfreuen, sondern auch und gerade besonders, dass meines Freundes und Arbeitskollegen Majeed und seiner zukünftigen Frau Zildat. Sie werden heute heiraten. Die Straßen füllen sich allmählich mit feierabendlicher Stimmung, der Ruf des Muezzin, wie der islamische Ruf zum Gebet genannt wird, schallt durch die staubigen afrikanischen Gassen und ich stehe gekleidet in Kanzu und Kofia, Kanzu ist ein arabisches Gewand für Männer und Kofia die dazugehörige Kopfbedeckung, inmitten des Getümmels und finde die Moschee in der die Hochzeit stattfinden soll nicht.

Ich wartete auf den zuvor auf Google Maps markiertem Treffpunkt, meine Anrufversuche blieben unbeantwortet und meine Zeit schwand in den hektischen Straßen Stone Townsm dahin. Die einzig verwertbare Information, die mir mitgeteilt wurde, war, es sei eine mittelgroße Moschee in Richtung Westen an der großen Kreuzung, die ich kannte. Laut meinem Smartphone ergaben sich also lediglich sechs potenzielle Moscheen in meiner Nähe. Dies wäre mit ausreichend Zeit auch annehmbar gewesen, allerdings hatte sich meine Zeit mittlerweile schon in der schwülen Abendluft verflüchtigt und die Ankunft an der richtigen Moschee schien in immer weitere Ferne zu rücken.

Trotz meiner damalig noch eher rudimentären Sprachkenntnisse fand ich glücklicherweise jemanden der meinte, er wüsste, wo heute eine Hochzeit stattfinden würde. Ruckartig sprang er in Richtung eines kleinen Ladens auf und kam sehr hektisch mit einem Schlüssel in der Hand zurück, als ich ihm sagte das ich mittlerweile zu spät sei. Er holte das Motorrad von einem Freund und rief mir nur „Twende! Twende!“ zu, was so viel bedeutet, wie los beeil dich und spring auf! Nach einer kurzen, aber sehr rasanten Fahrt durch den wüsten sansibarischen Straßenverkehr erreichten wir endlich die Moschee. Ohne etwas zu verlangen, scheuchte er mich freundlich vom Motorrad und ich solle mich beeilen reinzugehen und nicht vergessen mich vor dem Betreten zu waschen.

Da stand ich nun, verspätet, etwas aufgeregt und planlos was er genau mit seiner Aussage meinte. An mir vorbei strömten zudem hunderte Männer in langen arabischen Gewändern, was sich in dem Moment nicht wirklich entspannend auf mich auswirkte. Es schien allerdings als sei ich wenigstens nur einer von Hunderten, die zu spät waren und somit wandelte sich der Gedankengang wieder in reine Neugier auf das mich Erwartende um, während im Hintergrund islamische Gebetsrufe den Abend durchdrangen. Ich war zuvor noch nie in einer Moschee und mein Freund Amar, der Bruder des Bräutigams, mit dem ich mich an besagtem Treffpunkt eigentlich verabredet hatte, war selbstverständlich schon vor Ort und hatte mir geschrieben, ich solle einfach reinkommen.

Ich folgte der Menschentraube in einen weiß gefliesten Raum um die Gebetswaschung (du’a) durchzuführen, dies beinhaltet das Reinigen der Hände, Füße und des Gesichtes. Anschließend werden normalerweise noch die Hände mit Kolonya desinfiziert, dieses zitronige Duftwasser tötet nachweislich sämtliche Krankheitserreger ab, allerdings war dies aufgrund des Andranges nur noch als Duft im Raum war zunehmen. Im nächsten Augenblick stand ich schon in der Moschee und war völlig überwältigt von der schieren Anzahl der Menschen und wie jeder versuchte noch schnell einen Platz zu erhaschen. Zudem war es auch eine neue Erfahrung eine Hochzeitszeremonie ohne Frauen zu feiern. Ich ließ mich von der Gruppendynamik mitreißen und ergatterte noch einen kleinen Fleck für mich. In der Moschee war überall ein sehr weicher beigefarbener Teppich ausgelegt, innerlich machte sich ein ungewohntes Gefühl in mir breit, welches ich nicht genau zu identifizieren wusste, weil ich für mich persönlich einen Teppich, den ich ohne Schuhe betrete, eher mit einer gemütlichen Situation in einem Wohnzimmer verbinde und nicht in einem Gebetsraum mit mehreren hundert Menschen Knie an Knie. Dieses Narrativ und die verbundenen Gefühle, welche ich mit dem Beten durch die römisch-katholische Kirche assoziiere, waren hier ganz andere. Überhaupt nicht negativ gemeint, sondern einfach nur anders und ungewohnt.

Der leichte zitronige Duft und die freudige Energie, welche jeder der Anwesenden ausstrahlte und meine aktuelle Ahnungslosigkeit was passieren wird, hüllten mich in ein wohliges Gefühl der Neugierde. Plötzlich erklang Gebetsmusik aus den Lautsprechern und alle neigten sich mit dem Kopf Richtung Boden. In den nächsten Minuten versuchte ich bestmöglich allen Bewegungsabläufen zu folgen.

Wir saßen alle hockend auf unseren Waden, eng aneinander. Diese körperliche Nähe zueinander und das gemeinsame Beten in so einer großen Gruppe, ließ ein positives Gruppengefühl entstehen, welches ich vorher in diesem Zusammenhang so noch nicht gespürt hatte. Obwohl ich nicht der Glaubensrichtung angehöre und die genauen Hintergründe dessen was grade vor sich ging nicht ganz verstand, so merkte ich doch die Bedeutung dieses Momentes. Ja, ich bin ziemlich unvorbereitet in diese neue kulturelle Erfahrung hineingegangen, aber manchmal ist es viel schöner und intensiver, wenn man nicht genau weiß, was einen erwartet, weil man so einfach den Moment erleben kann, ohne ihn schon vorher mit den eigenen Erwartungen einzufärben. Es war für mich eine sehr schöne Erfahrung.

Nach dem Abschluss des Gebetes warteten wir alle auf den Bräutigam. Mittlerweile war die Moschee dermaßen über ihre eigentlichen Kapazitäten gefüllt, dass trotz mehrmaligen Nachrückens und Zusammenquetschens nicht alle Platz fanden. Ich überschlug grob die Anzahl der Anwesenden und kam auf weit über 800, währenddessen der Andrang nicht aufzuhören schien. Als der Bräutigam und seine Familie versuchten sich einen Weg nach vorne zu bahnen, verstummten jegliche Gespräche und alle Aufmerksamkeit galt Majeed. Er trug einen weißen Kanzu mit einem Turban (Hijab) und einem traditionellen arabischen Säbel (Jambia), welcher durch ein graues Seidentuch mit arabischen Mustern überzogen war. Der Säbel soll Stärke symbolisieren, weil der Prophet Mohammed damals damit gekämpft haben soll.

Die anschließende Zeremonie verlief sehr kurz und anders als ich es mir vorgestellt hatte. So hatte ich also am Ende wohl doch ein paar Erwartungen mitgebracht, die ich nun etwas anpassen musste. Im Islam ist die Eheschließung (Nikah) kein romantischer Akt, sondern eine Art Vertragsabschluss zweier Parteien. Für die Anerkennung der Hochzeit müssen neben dem Bräutigam, ein Imam so nennt man den Vorbeter in der Moschee und ein Wali gegenwärtig sein. Ein Wali ist ein Vormund der Braut. Laut Tradition muss dieser der Braut für die Ehe seine Zustimmung geben. Er ist männlich, moslemisch und meist der Vater der Braut. Zudem müssen zwei Zeugen anwesend sein, welche die Ehe bezeugen können. Wer allerdings wiedererwarten nicht anwesend sein muss ist die Braut. Sie ist zu diesem Zeitpunkt noch in dem Haus ihrer Familie und wartet auf den Bräutigam. Die Zeremonie beginnt durch das Vorsprechen eines Gebetes aus dem Koran, durch den Imam. Anschließend wird die Mitgift noch einmal vorgetragen und von Bräutigam und Wali akzeptiert. Die Mitgift, eine meist materielle Abgabe des Bräutigams an seine zukünftige Frau, ist ein fester Bestandteil des islamischen Ehevertrages. Diese auch Morgengabe genannte Abgabe, ist dabei ein Brauch aus Zeiten, in denen Frauen nicht arbeiteten. Damit soll die Frau im Falle einer Scheidung für ihr zukünftiges Leben abgesichert sein, da es ihr in Folge schwerer fallen würde einen neuen Ehemann zu finden.

Während ich mich genauer über die Mitgift informierte und mich ein bisschen in die Thematik einließ, stieß ich auf einen aus meiner Sicht sehr schönen Koranvers der mit dem Ehevertrag einhergeht: „Der vollkommenste Gläubige ist der mit der besten Wesensart, und die besten unter euch sind jene, die am besten zu ihren Frauen sind.“ (Sahih Bin Haban, Hadith Nr. 4176). Nachfolgend musste Majeed dreimal bestätigen, dass er die Heirat mit Zildat eingehen möchte und die beiden Zeugen mussten die Ehe bezeugen. Nach diesem Akt bekräftigt der Imam die Ehe und es wurde abschließend ein gemeinsames Gebet gesprochen.

Nach dem für mich persönlich sehr kurzen Akt der Eheschließung, war der offizielle Teil für die Männer zu meiner Enttäuschung bereits vorbei. Es folgten Glückwünsche von allen an das Brautpaar – mehr oder weniger bei über 800 Gästen – und Fotostrecken mit der Familie und Freunden.

Ein sehr ergreifender Moment, den ich sah und nicht für möglich gehalten hätte, war als mein Freund und Chef, der Vater des Bräutigams, sich gegen eine Säule lehnte und ihm die Tränen vor Freude über das Gesicht liefen. In Tanzania ist es nicht üblich seine Emotionen in der Öffentlichkeit bzw. generell zu zeigen, wir befanden uns zwar in der Moschee und somit nicht direkt in der Öffentlichkeit, doch ungeachtet dessen, war es einer der wenigen Momente in denen ich tiefgreifende Emotionen von einem Tansanier zu sehen bekam. Dieser besondere Ausgenblick berührte mich sehr. Diese besondere Stimmung, gepaart mit all den neuen Eindrücken, die ich erfuhr, ließen mich in dem Hier und Jetzt, auf einer Welle des Wohlbefindens surfen und bestätigten mir ein weiteres Mal, die richtige Entscheidung für den interkulturellen Austausch in Tanzania getroffen zu haben.

Nun strömten alle so schnell wie sie gekommen waren wieder in die dunkle Nacht zurück. Glücklicherweise wusste ich noch von einem weiteren, etwas feierlicheren Akt, der mich erwartete. Der Bräutigam, die Familie und die engsten Freunde, glücklicherweise zählte ich dazu, verschwanden schnell in die schon wartenden Autos, denn es gab jemanden, der schon gemeinsam mit ihren Gästen sehnsüchtig auf ihren neuen Lebenspartner wartete. Denn insgesamt hatte es drei Zeremonien gegeben, die alle zeitgleich gestartet hatten. Eine davon im Haus der Braut, wo nur die Familie und die engsten Freundinnen eingeladen waren, ich schätze ca. 300 Frauen, halt nur die engsten Freundinnen. Alle anwesenden Gäste warteten schon aufgeregt auf die Ankuft Majeeds, damit er nun endlich seine Frau aus den Räumlichkeiten des Hauses, in denen sie bis zu diesem Moment zurückgehalten wurde, entführt und sich die beiden als neues Ehepaar zeigen können.

Für die beiden war ein Podest aufgebaut mit einem vergoldeten Sofa und anderen schönen Verzierungen. Dort ließen sie sich vorerst für die nächsten Fotoshootings nieder. Zusätzlich begann eine Tradition der Frauen, es versammelten sich alle Frauen vor dem Brautpaar und tanzten zur arabischen Musik und schmissen währenddessen Geld um sich, welches für die Frau gedacht ist. Nach etlichen Fotos und zur Schaustellung, war dem Pärchen mittlerweile die Anstrengung anzusehen. Anders als in Deutschland, wird hier das Brautpaar wesentlich mehr und länger bewusst zur Show gestellt. Anschließend machten wir uns zu der letzten Zeremonie auf, wo der letzte offizielle feierliche Part der Frauen ablaufen sollte und wo auch schon seit ca. 3 Stunden auf die ehrenwerte Braut und Bräutigam gewartet wurde.

In dem feierlich geschmückten Saal befanden sich weitere 400 Frauen, welche lautstark die Anwesenheit des Paares verlauten ließen. Nach dem die beiden durch die Menge schritten, ließen sie sich auf ein sehr schönes Samtsofa nieder. Im Vergleich zu den deutschen Hochzeiten ist der Stil und die Kleidung der Gäste wesentlich aufwändiger und prunkvoller gestaltet. Viele Frauen lassen sich zusätzlich ihre Hände und Füße mit wunderschönen Henna Verzierungen bemalen. Ein weiteres Mal wurde die Tradition der Frauen eröffnet und etliche Geldscheine glitten wiederholt vor dem goldenen Sofa durch den Saal. Durch den belebenden afrikanischen Tanzstil und der motivierenden Musik, erhitzten sich allmählich die Gemüter und auch ich spürte den Drang mich zu der Musik zu bewegen, allerdings war dies leider nur den Frauen vorbehalten.

So schön es auch war das ganze Schauspiel zu betrachten, so fiel es mir sehr schwer, nach vergangener Zeit, doch nur ein stiller Beobachter zu sein. Nach Beendigung dieses schönen Tanzes und einiger weiterer Fotos, war der Abend zu meinem Bedauern auch schon vorbei. Eine Freundin und ebenfalls Freiwillige bei der DTP, war auch an diesem Abend dort und teilte meine Ansicht. Wir beide standen dort und wussten gar nicht genau wie uns geschah. Wir beide waren total energiegeladen und voller Tatendrang den Abend zu genießen und neue Menschen kennenzulernen, allerdings schien dies nicht der Abend dafür zu sein. Als das Brautpaar sich dann relativ schnell verabschiedete und zum Hotel gebracht wurde, war dann auch wirklich alles vorbei.

Als Resümee über diesen Abend kann ich getrost sagen, dass es super interessant war und ich sehr glücklich bin, dass ich dieser Feierlichkeit beiwohnen durfte. Es ist immer wieder schön die Unterschiede zwischen den Kulturen wahrzunehmen und zu sehen, dass die Priorisierung und Gewichtung in vielen Bereichen eine ganz andere ist. Gerade diese Erfahrungen bereichern das Leben, somit reflektiert man manchmal Dinge, die man vorher so akzeptiert hat, wie sie sind.