Großer Fuß auf kleiner Erde

Afrikas eigener Beitrag zur weltweiten Treibhausgasemission ist mit ca. 3 Prozent sehr niedrig. Allein in Deutschland werden pro Kopf jährlich etwa zehnmal so viele Treibhausgase ausgestoßen wie in Subsahara-Afrika. Während allein Coca-Cola 3,3 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr produziert, China 8,8 Millionen Tonnen Plastikmüll unsachgemäß in den Ozeanen entsorgt und Europa für 25% des globalen Müllaufkommens verantwortlich ist, ist der Verbrauch des afrikanischen Kontinents mit 70 Millionen Tonnen vergleichsweise noch sehr gering.

SchülerInnen eines Roots & Shoots SchülerInnen eines Roots & Shoots SchülerInnen eines Roots & Shoots Umweltclubs im Wiederaufforstungsprogramm des Pugu Forests. [Foto von Santino Anderer, Foto von Jane Goodall´s Roots & Shoots Tanzania, kann kostenlos verwendet und freigegeben werden.]

Für regelmäßige ZuschauerInnen der Tagesschau mag es ironisch erscheinen, dass der Rekord, den Äthiopien am 29. Juli dadurch aufstellte, dass die Gesamtbevölkerung in einer nationalen Kampagne laut offiziellen Zahlen 3,5 Millionen Setzlinge pflanzte, auf den Internationalen Earth Overshoot Day fiel; dem Tag, an dem die Globalbevölkerung die ihr zustehenden Ressourcen für das Jahr 2019 aufgebraucht hat. Drei Wochen später liefen Aufnahmen unter dem Hashtag #PrayfortheAmazon viral und lenkten die öffentliche Aufmerksamkeit auf die brennenden Wälder Südamerikas, Sibiriens und Indonesiens, die laut Greenpeace allein in der Taiga so viel CO2 wie 36 Millionen Autos freisetzen würden. Gleichzeitig waren in den vergangenen Monaten Mozambik, Nordindien (laut zeit.de 4,5 Millionen Betroffene [1]), Nepal, Spanien, Italien und der Nordosten der USA Schauplätze von besonders starken Stürmen und Überschwemmungen. Auf drei Kontinenten brennen die Wälder, auf vier Kontinenten wurden Menschen zu Flutopfern. In Paris wurde ein Hitzerekord von 45,9 Grad gemessen, während Deutschland laut welt.de 2019 den drittwärmsten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte [2]. Der aufmerksame Leser könnte nun feststellen: Wir leben in Zeiten extremer Wetterbedingungen.

Am 20. September dieses Jahres marschierten über 4 Millionen SchülerInnen auf allen Kontinenten, inklusive der Antarktis, für einen radikalen Wandel in der Klimapolitik ihrer Länder. Bis 2040 erwarten Forscher laut der Studie "Klimaflüchtlinge" 200 Millionen Menschen, die durch die sozio-ökonomischen Einflüsse wie Dürren, Desertifikation und dem steigenden Meeresspiegel gezwungen sein werden, ihre Heimat, Arbeitsplätze und Kulturstätten zu verlassen [3]. Rechtliche Regelungen für Klimaflucht existieren bis heute in keiner nationalen Verfassung. Während sich Weltkonzerne wie Nestlé im großen Maßstab Süßwasserquellen sichern (in Ontario/Kanada bezahlt die Firma laut earthlink.de 3,71 US-Dollar für eine Million Liter Wasser [4]) und durch das Abpumpen von Grundwasser etwa in Südafrika für das Austrocknen lokaler Brunnen und Wasserquellen verantwortlich sind, werden die nächsten Kriege aufgrund von Wasserkonflikten vorausgesagt.

Auf dem Grund des Mariannengrabens, dem tiefsten Punkt der Erde, sowie in der unbewohnten Tundra der Arktis haben Forscher in den vergangen Monaten Unmengen an Plastik nachgewiesen. Dass Mikroplastik genau wie Pollen oder Saharasand durch Wind und atmosphärische Prozesse verbreitet und durch Regen und Schnee ausgewaschen wird, zeigt die Globalität des Problems. 20% der Nahrungskette und 90% aller Seevögel sollen bis 2050 von Mikroplastik kontaminiert sein. Bis 2015 wurde nur 9% des globalen Mülls gesammelt und recycelt, 12% verbrannt und 79% auf Halden, in den Weltmeeren und in der Umwelt entsorgt.

Wie sich Tansania gegenüber den Herausforderungen der weltweiten Plastikverschmutzung und dem Klimawandel verhält, soll im Folgenden dargelegt werden.

Für besondere Aufmerksamkeit hat das Plastiktütenverbot in Tansania gesorgt, das ab dem 1. Juni 2019 greift. Mit diesem Gesetz folgte das ostafrikanische Land seinen Nachbarn Kenia und Ruanda, die strengere Gesetze als die meisten europäischen Länder im Umgang mit Plastikmüll verfolgen. Die Umsetzung ist allerdings lokal unterschiedlich. Findet man in den Straßen Mombasas immer noch eine Vielzahl unterschiedlichster Plastikteile, obschon bei öffentlicher Verschmutzung eine Strafe von 40.000 KES (rund 400 Dollar) besteht, gilt Kigali, die Hauptstadt Ruandas, als die sauberste Stadt Afrikas. Erste umweltfördernde Projekte gibt es auch im Norden Tansanias. Die Stadt Moshi am Rande des Kilimandscharos wird als die sauberste des Landes beworben. Vor rund fünf Jahren wurden dort von der Regierung Umweltbildungskampagnen initiiert, die die Lokalbevölkerung über die Schäden des Mülls aufklärten. Viele Gemeinden in der Umgebung haben Umwelt-Projekte mit Kirchengruppen ins Leben gerufen. Jedes Kind soll vor der Konfirmation zehn Bäume pflanzen. Der Frage, warum die Umsetzung in Moshi, aber nicht in der 6-Millionen-Einwohner-Metropole Dar-Es-Salaam funktioniert, in welcher in den vergangenen Jahren 15 Menschen Todesopfern von Überschwemmungen durch von Müll verstopfte Abwasserrohre wurden, ging ein von Alliance Francaise in Dar-Es-Salaam veranstalteter Themenabend zum Thema Plastik nach. Anna Lê Rocha, die Direktorin der Organisation „Nipe Fagio“, die Cleaning-Up-Events und Zero-Waste-Programme in der Großstadt durchführt, erklärt:

„Das jährliche Bevölkerungswachstum von 4,5% sorgt für ein starkes Expandieren von ungeplanten Siedlungen vor allem in den Außenbezirken Dar-Es-Salaams. Die Anbindung an offizielle Strom- und Wasserversorgungen, sowie die Müllabfuhr, die zwei Mal pro Woche gegen ein kleines Entgeld den Müll der Haushalte einsammelt, ist eine große Herausforderung. Noch immer verbrennen die meisten Stadtbewohner ihren Müll auf der Straße oder in ihren Höfen. Dass die dabei entstehenden Gase gesundheitsschädigend sind, ist vielen nicht bekannt - beziehungsweise wird mangels Alternativen ignoriert. Dass eine Plastikflasche 450 Jahre benötigt, um zu verrotten, ist ein sehr abstraktes Bild. Die Bildungslücke über die Auswirkungen von Plastik auf die Umwelt, die Luft, die Meere und nicht zuletzt die Gesundheit von Menschen und Tieren, muss geschlossen werden und sollte fester Bestandteil jeder Schulausbildung sein.“

2017 herrschte in Ostafrika die schlimmste Dürre seit 50 Jahren. Vom Horn bis zum Kap waren mehr als zwölf Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Laut der Deutschen Welle waren in Somalia in Folge von ausbleibenden Regenzeiten und Erntevernichtungen 360.000 Kinder mangelernährt. 70 Prozent aller Wasserquellen im Norden Kenias versiegten [5].

Vom Klimawandel ist Tansania vor allem durch das Ansteigen der Temperaturen und durch das Verschieben von Regen- und Trockenzeiten betroffen. In Folge von Dürren und Überschwemmungen kommt es in einigen Regionen immer wieder zu Bodenerosion, Ernteausfällen und Engpässen in der Wasser- und Energieversorgung. Die flache Küstenregion, insbesondere die Stadt Bagamoyo, wird durch den steigenden Meeresspiegel bedroht, während der Gletscher auf dem Mt. Kilimandscharo bis 2025 erstmals vollständig abgetaut sein soll. Ebenfalls gerät der Migrationsrhythmus der Herdentiere durch den Temperaturanstieg durcheinander. Es gibt Schätzungen nach denen bis 2080 ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten verschwunden sein könnten. In Tansania sind vor allem die Zentralregionen Dodoma und Tabora von Trockenheit betroffen. Dass die aktuelle Regierung den Ausbau der Hauptstadt im Landesinneren mit der Umsiedlung von allen politischen Institutionen, von Banken, Konzernen und NGOs vorantreibt, rückt die Herausforderungen der Wasserversorgung in den Fokus. Die Regierung plant eine über 600 Kilometer lange Pipeline zu bauen, um die Hauptstadt mit Süßwasser vom Victoriasee im Nordwesten des Landes zu versorgen [6].

Tansania hat offiziell 25% seiner Landfläche zu Schutzgebieten erklärt. Ebenfalls soll jede der tansanischen Regionen jährlich 1,5 Millionen Bäume aufforsten, um dem großen Holzbedarf entgegen zu wirken, der primär durch die Holzkohleproduktion verursacht wird, auf die 80% der afrikanischen Haushalte zum Kochen angewiesen sind. Laut dem Forstbetrieb Komaza ist der Preis für Holzkohle in den letzten zehn Jahren zwischen 300-500% Prozent gestiegen und afrikanische Länder müssen ab 2030 75% der industriell benötigten Hölzer aus dem Ausland importieren [7]. Um der Abholzung entgegenzuwirken, sucht die Regierung nach anderen effizienten Energieträgern. Tansania will die Nutzung von Flüssiggas weiter ausbauen. Mithilfe von ägyptischen Ingenieuren wird ein Hydroelectric Power-Staudammprojekt realisiert, dass die Energiekapazität des Landes um mehr als 60% erhöhen soll. Trotz Risiken für das UNESCO-Weltkulturerbe Selous Nationalpark, welcher teilweise geflutet werden soll und Dörfer dann dafür umgesiedelt werden müssten.

Ob das mit Bilharziose belastete Wasser des Victoriasees Trinkwasserqualität besitzt, ob die Pflanzquoten von den tansanischen Regionalregierungen wirklich umgesetzt werden können, welche Risiken die Bauförderung der Hauptstadt Dodoma, die in einer Erdbebenregion liegt, oder welche Umweltschäden mit Großbauprojekte einhergehen, bietet Stoff für weitere Diskussionen. Auch der Pflanzrekord Äthiopiens kann hinsichtlich der Auswahl der Baumarten, und den damit Verbundenen Einfluss auf den Boden und lokale Artenvorkommnisse, sowie nach zukünftigem Monitoring, das garantieren muss, dass die Setzlinge auch wirklich anwachsen, hinterfragt werden, hinterfragt werden.

Was abschließend bleibt, ist ein schaler Geschmack auf der Zunge im Hinblick auf einen menschlichen Verdrängungsmechanismus, der politische Institutionen wie Privatpersonen einschließt, und oftmals dafür verantwortlich ist, dass wir dazu neigen, die Symptome anstatt der Quelle der Umweltprobleme zu bekämpfen. Wir pflanzen Bäumen für den Klimaschutz, um die ausgestoßenen Treibhausgase zu binden, statt unser Transportwesen und unsere Energieversorgung zu reformieren. Auch nach hundert Cleaning-Up Events wird ein Strand nach der nächsten Flut von Müll übersät sein, wenn wir nicht anfangen in alternative Verpackungsmaterialen zu investieren oder Produzenten wie Coca-Cola oder Nestlé, die nachweislich für Umweltverschmutzung oder Menschenrechtsverletzungen wie der Einschränkung des Zugangs zu sauberem Wasser verantwortlich sind, zur Verantwortung für die Reduktion und Beseitigung des von ihnen mitverursachten Müllproblems zu ziehen.

In der Natur verlaufen alle Prozesse in natürlichen Kreisläufen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das aus diesen Kreisläufen ausbricht. Das abschließende Zitat aus einem der größten Hollywoodfilme der 2000er darf nicht nur die Tageschau-Zuschauer, sondern alle LeserInnen zur Reflektion anregen: “Every mammal on this planet instinctively develops a natural equilibrium with the surrounding environment but you humans do not. You move to an area and you multiply and multiply until every natural resource is consumed and the only way you can survive is to spread to another area. There is another organism on this planet that follows the same pattern. Do you know what it is? A virus. Human beings are a disease, a cancer of this planet.” - aus The Matrix


[1] https://www.zeit.de/news/2019-07/15/monsun-fordert-mindestens-65-menschenleben-in-nepal [2] https://www.welt.de/vermischtes/article199422038/Wetter-in-Deutschland-Sommer-war-drittwaermster-seit-Beginn-der-Wetteraufzeichnungen.html [3] https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/folgen-des-klimawandels/studie-klimafluechtlinge-die-verleugnete-katastrophe [4] https://www.earthlink.de/2015/07/nestles-eiskaltes-geschaeft-mit-dem-wasser/ [5] https://www.dw.com/de/ostafrika-trocknet-aus/a-37551854 [6] https://www.adaptation-undp.org/explore/eastern-africa/united-republic-tanzania [7] http://www.komaza.com/environment