Leben mit dem Klimawandel

Im mittleren Westen Tansanias sind die Folgen des Klimawandels schon heute zu spüren. Dort entsteht im Moment eine Reihe von vielversprechenden Projekten, welche die Menschen an die Veränderungen anpassen sollen. Ein Besuch in der Igunga ecovillage.

Vertrocknete Erde Vertrocknete Erde In Zentral-Tansania sind die Auswirkung des Klimawandels schon jetzt sichtbar. [Foto von Christian Harder, ⓒ by Christian Harder]

“Karibu Sana” begrüßt uns der alte Mann mit einem freundlichen Lächeln, das seine verfaulten Zähne entblößt. “Ihr seid wegen der Biogasanlage hier?” Wir nicken, woraufhin er uns an einigen Lehmhütten vorbei zu einem großen, schattenspendenden Baum führt, unter dem sich eine Art Kessel befindet, in dem getrockneter Kuhdung lagert. „Der größte Teil der Anlage befindet sich unter der Erde“, erklärt uns unser Gastgeber und weist die groben Umrisse auf der staubigen Erde aus. Sein Sohn übernimmt und veranschaulicht den Prozess von den Ausscheidungen der Tiere bis zum fertigen Gas. Die Fäkalien werden mit Wasser vermischt und dann in den unterirdischen Tank geleitet. In der luftdichten Umgebung fault die Biomasse, wobei u.a. Kohlenstoffdioxid und Methan entstehen. „Das Gas können wir hier einfach abfüllen“, sagt der Junge und deutet auf einen Hahn. „Es gibt aber auch eine direkte Verbindung zu unserem Herd in der Küche“. In der engen Kammer ist kaum genug Platz für fünf Leute. Es ist schummrig, das Sonnenlicht dringt kaum bis in die Hütten vor. Wusch! Mit einem lauten Zischen fängt das Gas an zu strömen. Ein unangenehmer Geruch breitet sich aus. Doch dann entzündet ein Funke das Gas und eine helle Flamme beleuchtet den Raum und das grinsende Gesicht des Jungen. „Genial, oder?“

Es ist in der Tat beeindruckend. Eine Biogasanlage? Hier? Um uns herum erstrecken sich die staubigen Weiten des tansanischen Hinterlands. Wir befinden uns nahe Igunga in der Region Tabora. Gefühlt mitten im Nirgendwo. Bis in Tansanias Hauptstadt Dodoma sind es acht Stunden Busfahrt, in die größte Stadt Dar es Salaam doppelt so viele. Tatsächlich finden sich aber hier viele solcher Biogasanlagen und einige weitere vielversprechende Ansätze. Sie alle sind Teil eines größeren Projekts, der "Igunga ecovillage".

Eine ecovillage bezeichnet im Allgemeinen eine Dorfgemeinschaft, die versucht, das gemeinsame Leben so nachhaltig wie möglich zu gestalten.
Im Falle der Igunga ecovillage ist dieses Konzept mit dem Ziel verbunden, die ländlichen Regionen so gut wie möglich an die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen anzupassen. Das Projekt wird von der Europäischen Union finanziert und von der amerikanischen NGO Heifer International und der lokalen Regierungsbehörde koordiniert. Seit Beginn des Projekts in 2015 wurden neun Dörfer in Igunga District zu Ökodörfern. Was das Konzept der ecovillage so grundlegend von anderen Entwicklungsprojekten unterscheidet ist der ganzheitliche Ansatz. Es geht nicht darum sich auf nur einen Aspekt zu fokussieren und z.B. Solarenergie in einem Dorf zu fördern, während gleichzeitig die Felder brach liegen und Dürren drohen. Stattdessen wird versucht möglichst viele verschieden Ebenen einzubeziehen, einschließlich Wasser, Energie, Land- und Viehwirtschaft, natürliche Ressourcen, Handel und Unternehmerschaft, sowie Geschlechtergleichgerechtigkeit.

Es geht weiter. Unser nächster Stopp ist eine Grundschule. Die Kinder haben gerade Pause und tollen wie wild auf dem Schulhof herum. Als wir ankommen, unterbrechen sie ihre Spiele und beäugen die Gäste neugierig. Der Schulleiter nimmt uns in Empfang und führt uns hinter das Hauptgebäude, wo ein riesiger Wassertank steht, der mit einer Regenrinne verbunden ist. Stolz erzählt er, wie er im Rahmen der ecovillage dieses Sammelbecken für Regenwasser verwirklichen konnte. „Früher mussten unsere Schüler das Trinkwasser immer von weit weg herkarren“, erklärt er, „heute können wir es einfach bei uns sammeln“. Ein Regentank. Klingt banal, kann aber enorme Auswirkungen haben, insbesondere, wenn Wasser sowieso ein kostbares Gut ist. Auf der anderen Seite des Hofes wartet ein weiteres Projekt. „Das ist unsere Baumschule“, sagt der Schulleiter und deutet auf die Reihen von Setzlingen, die sich über das Fußballfeld-große Areal erstrecken. „Ein paar davon wollen wir fällen und zum Bau von Schulbänken verwenden. Der Rest soll unseren Schülern Schatten spenden“. Ganz nebenbei hilft diese Wiederaufforstung auch der Bodendegradation und der Desertifikation entgegenzuwirken.

Denn diese sind zwei von vielen ernsthaften Problemen in Zentral-Tansania. Die Menschen, die hier leben, gehören zu den ersten weltweit, die die Folgen des Klimawandels stark zu spüren zu bekommen. Bei gerade einmal 500-750mm jährlichem Niederschlag und einer immer länger werdenden Trockenzeit, die schon jetzt über sechs Monate dauert, ist das Leben hart. Der so wichtige Regen bleibt immer häufiger aus, Dürren und Ernteausfälle sind an der Tagesordnung. Diese Menschen müssen schon jetzt gravierende Einschnitte in ihrem alltäglichen Leben hinnehmen und lernen, damit zu leben. Und das, obwohl sie selbst am wenigsten Schuld daran trifft. Währenddessen geht in Europa der exzessive Lebensstil einfach weiter. Auch wegen unserer Ressourcenverschwendung und unserem Kohlenstoffdioxidausstoßes, müssen die Menschen hier zu solchen Maßnahmen greifen.

Im Verlauf des Tages besuchen wir noch einige weitere Projekte. Da wäre z.B. eine Latrine, die, sobald sie voll ist, einfach umgesetzt werden kann, damit die gesammelte Biomasse als günstiger Dünger verwendet werden kann. Oder effektivere Herde und Öfen, die weniger Brennmaterial benötigen. Es gibt Programme zur Fischzüchtung und verbesserten Anbaumethoden. Es gibt Workshops und Schulprogramme, die Wissen vermitteln und einen Raum für Austausch und die Entwicklung gemeinschaftlicher Lösungen bieten. Insgesamt profitieren laut eigener Aussage ca. 6000 Haushalte direkt von den Projekten und weitere 6000 Haushalte indirekt.

Das Konzept der ecovillage ist durchaus kein neues, sondern existiert schon seit den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als in den Vereinigten Staaten erste ecovillages gegründet wurden. Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt solche Ökosiedlungen, viele davon haben sich im Global Ecovillage Network (GEN) zusammengeschlossen. Auch in Deutschland existieren mit Orten wie Sieben Linden (Sachsen-Anhalt) oder Tempelhof (Baden-Württemberg) einige wenige Vertreter. Im Senegal ist man da schon weiter und hat das Konzept zum Teil der Regierungsstrategie erhoben mit dem Vorhaben über 14.000 Dörfer zu ecovillages zu entwickeln.

Von solchen Plänen ist Tansania noch weit entfernt. Das Konzept steckt noch in den Kinderschuhen und erst einige wenige ecovillages bestehen. In Igunga läuft die Finanzierung im Jahr 2019 aus. Wie es danach weiter geht, weiß keiner. Die Projekte werden aber bestehen bleiben und helfen zumindest die jetzige Situation zu verbessern. Die Richtung stimmt und an Motivation mangelt es nicht. „Natürlich werden wir weitermachen“ erklärt man uns, „was bleibt uns auch anderes übrig?“


Weiterführende Links: Webseite der Igunga ecovillage: https://igungaecovillage.com --- Webseite des Global Ecovillage Network (GEN): https://ecovillage.org --- Webseite der Sieben Linden ecovillage: https://siebenlinden.org/de/start/ --- Webseite der Schloss Tempelhof ecovillage: https://www.schloss-tempelhof.de