Mambo, mtoto mzuri? (Wie geht es dir, hübsches Kind?)

Was haben der Vizepräsident Tansanias, eines meiner Gastgeschwister und ich gemeinsam? - Genau, wir sind alle weiblich. Über diese nicht gerade kleine Gruppe der Bevölkerung und den Umgang mit ihr habe ich mir ein paar Gedanken gemacht.

Halima A. und Melina C. Halima A. und Melina C. Frauenbild in Tansania [Foto von Katharina Schmidt, KS]

Was haben der Vizepräsident Tansanias, eines meiner Gastgeschwister und ich gemeinsam? - Genau, wir sind alle weiblich. Über diese nicht gerade kleine Gruppe der Bevölkerung und den Umgang mit ihr habe ich mir in der Vergangenheit ein paar Gedanken gemacht:

„Baby“, schlägt es mir aus den Lautsprechern im Bus entgegen. Diamond Platnumz, der wohl bekannteste Musiker Ostafrikas (der übrigens bei der WM dieses Jahr in Russland bei der Eröffnungsfeier unter anderem mit Jason Derulo singen wird), tut es schon wieder - er landet einen Hit mit seinem neusten Song. Wenig später, da bin ich fest von überzeugt, werde ich auch das Musikvideo zu sehen bekommen. Schon seit Beginn meines Freiwilligendienstes hier in Dar es Salaam kenne ich diese zur Genüge und mit mir auch wohl jeder Mitbürgerin. Früh ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich doch die Realität und diese Musikvideo-Welt sind: Es scheint alles erlaubt zu sein, gerade was Bekleidung, Frauen und Liebe angeht.

Kurz vor 9 Uhr morgens unter der Woche, ich mache mich auf den Weg zur Arbeit. Wenn ich aus meinem Zuhause hinaustrete, begegnet mir immer ein sehr vielfältiges Bild: Junge Frauen mit Kopftüchern und langen Gewändern, Mamas mit kurzen Büroröcken, Jung und Alt, christlich, muslimisch, alles bunt gemischt. Ihre Kleidung ist so unterschiedlich wie nur möglich, aber die Röcke, die im Alltag so getragen werden, bedecken doch meist das Knie. Ich selbst, so als Freiwillige, möchte da nicht zusätzlich herausstechen und trage eigentlich immer knielange Röcke oder lange Hosen. Manchmal, wenn ich denke, dass ich doch eigentlich ganz normal aussehe, kommt dann aber eine Bekannte aus der Straße und zieht an der Kleidung herum: das T-Shirt doch lieber nach draußen, den Rock ein bisschen weiter Richtung Füße schieben und die Schultern, naja, die eben besser angezogen halten. Also auf gut Deutsch: bedeckt halten, unauffällig, nicht unnötig aufreizend.

Wenn ich dann kurze Zeit später in den Bus steige, begrüßen mich die typisch tansanischen Musikvideos; sie zeichnen sich für mich hauptsächlich durch ihre Freizügigkeit und ihr intensives Tanzen aus. Getanzt wird in Tansania aber nicht nur im Club, sondern auch auf Hochzeiten, Familienfeiern, bei Preisverleihungen, also überall, wo man sich freuen kann. Aber im Musikvideo, ähnlich wie im Club, sind die Kleidungsstücke um einiges kürzer und freizügiger als auf anderen Events. Diese Musikvideos scheinen in so einem exklusiven Rahmen zu sein, in dem einfach alles erlaubt ist. Auf der Straße sieht man so etwas tagsüber nicht. Die Lieder, die ich dann morgens, mittags beim Essen oder eigentlich durchgängig höre, sprechen und rufen Frauen in den Liedtexten häufig auf sehr ähnliche Weise an. Dabei ist „Baby“ ganz weit oben, auch Diamond benutzt es in vielen seiner großen Hits wie Hallelujah, Nana oder Waka, um nur wenige zu nennen. Im Angebot wären auch noch mein Herz, Honey oder My Love. Diese Ansprache und das damit verbundene Rufen passen gut damit zusammen, was schon viele Freiwillige vorher beschrieben haben. Für mich, die ich nicht nur Mzungu, sondern auch eine Frau bin, gehört „Baby“ auch außerhalb von Musikvideos zum täglichen Repertoire.

Szene aus "African Beauty". Diamond Platnumz: https://youtu.be/FH2QsiBixe4

Diese Musikvideo-Welt hat, wie ich finde, ganz klare Bezüge zur Realität, ja sie (unter)stützen sich gewissermaßen gegenseitig. Wenn ich dann nach der Arbeit zurück nach Hause fahre, am Motorradfahrer vorbei laufe und schon wieder „Baby“ höre, macht mich das nicht glücklich. Wenn ich die „Baby“-Rufe so stehen lasse, bestärke ich die Rufenden vielleicht nicht, aber ich bewege sie auch nicht dazu, damit aufzuhören. Für mich fühlt sich dieses „Baby“ nach Hierarchie an. „Baby“, das ist unterbewusst mit süß, klein und verletzlich verbunden, das passt in eine Reihe mit dem „Mtoto mzuri“, schönes Kind, wie ich und viele andere Frauen hier auch gerufen werde. Es stellt nicht das Bild einer starken, unabhängigen Frau dar, sondern, auch wenn es nur im Kleinen und im Alltag ist, genau das Gegenteil.

Sei mal nicht so kleinkariert.

Man kann es auch zu genau nehmen.

Das gehört zur Kultur und ist eben nicht zu ändern.

Es geht mir nicht darum, das Wort „Baby“ für immer zu verteufeln, sondern vielmehr darauf aufmerksam zu machen, was es impliziert und in welcher Situation es gebraucht wird. Wenn ein Freund seine Freundin gerne Baby nennen möchte, dann bitteschön, auch wenn es vielleicht nicht mein persönlicher Geschmack ist. Ich frage mich, ob „Baby“, eigentlich eine sehr intime Bezeichnung, so oft willkürlich auf der Straße zu hören seinen sollte? Natürlich, und das möchte ich mir auch gar nicht anmaßen, rede ich für mich alleine und nicht für jede Frau, weder in Tansania noch sonst wo, aber ich möchte „Baby“ nicht hören. Ich habe das Gefühl, dass „Baby“ mich herunterstuft und mich nur durch die Tatsache, dass ich weiblich bin, anders behandelt und ich mich dadurch benachteiligt fühle, anders als ein junger Mann in der gleichen Situation. Sexismus, so definierte der IDA (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V.) 2013, sei „jede Form der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts sowie die diesem Phänomen zugrunde liegende Geschlechterrollen festschreibende und hierarchisierende Ideologie“. Haben Sie schon viele Frauen Männern „Baby“ auf der Straße hinterherrufen hören? Ich nicht.

Bei alldem darf man aber niemals aus den Augen verlieren, dass das kein tansanisches Problem, auch kein Problem von Entwicklungsländern ist, sondern auch eines in Deutschland und der westlichen Welt. Gerade Ende vergangenen Jahres hat die Metoo-Debatte, die zuerst durch die sozialen Netzwerke lief, vielen die Augen geöffnet und aufgezeigt, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, ob in Hollywood oder dem ganz persönlichen Alltag. In Deutschland ist mir Sexismus nie in dieser offenen Art begegnet, aber trotzdem will ich nicht sagen, dass der „deutsche Sexismus“, einer sehr subtilen Art angehörend, besser oder schlechter wäre als das Rufen hier. Für mich gilt aber, dass ich Sexismus, der sich für mich aktuell am offensichtlichsten durch Rufen ausdrückt, hinterfrage und kritisiere – auch wenn das heißt, sich zu bemühen, zum 10. Mal die Diskussion mit dem Motorradfahrer zu führen, warum ich nicht sein Baby bin. Und vielleicht werde ich noch hundertmal die Antwort bekommen, dass er mich liebt und ich einfach wunderschön bin und deshalb sein Baby bin. Aber vielleicht, wenn es nicht nur eine macht, sondern viele, weicht die Ignoranz und die Erkenntnis kommt, dass Baby-Rufe sich weder schön anfühlen noch notwendig sind. Denn es sind zwar nur Rufe, aber es steckt eben doch Sexismus darin.