Offline durch den Ramadan

Der Ramadan, der neunte Monat des islamischen Mondkalenders, ist den meisten wohl ein Begriff: es ist die Fastenzeit des Islams vor dem großen Zuckerfest. Ich bin Flo, Freiwilliger bei Moto auf Zanzibar und somit täglich mit islamischer Kultur in engem Kontakt. Obwohl meine Konfession evangelisch ist, fasste ich den Schluss, am kollektiven Fasten teilzunehmen und legte sogar noch einen drauf.

Forodhani Garten Forodhani Garten Der grüne Park an Stonetowns Promenade ist bei Einheimischen ebenso beliebt, wie bei Touristen. Eine freie Bank lädt immer dazu ein, am Abend den Sonnenuntergang über dem indischen Ozean zu verfolgen. [Foto von Florian Vonsien, Florian Vonsien]

Um die Geschichte im Ganzen wiederzugeben muss ich ganz am Anfang beginnen. Schon vor einigen Monaten freundete ich mich mit der Idee an, die hiesige Fastenzeit von Mitte Mai bis Mitte Juni ohne Unterbrechung wahrzunehmen. Dies würde bedeuten den halben Tag, von der ersten Dämmerung bis zum Sonnenuntergang, auf das Trinken und Essen zu verzichten. „Kein Ding der Unmöglichkeit“, dachte ich mir, „immerhin schaffen das die muslimischen Inselbewohner und auch die meisten anderen Anhänger der Religion Jahr für Jahr, diesen Monat unbeschadet zu überstehen.“ Daraufhin informierte ich mich bei meinen Freunden, worauf man noch verzichten sollte und ich erfuhr, dass der eigentliche Gedanke des Fastens ist, sich von schlechten Angewohnheiten zu trennen.

Lange musste ich nicht suchen, um eine solche bei mir selbst zu finden. Seit Ewigkeiten ärgere ich mich regelmäßig darüber, wie viel Zeit ich doch am Handy verschwende und traurigerweise fiel mir auf, dass seitdem ich eines besaß, ich wohl niemals mehr als ein paar Tage ohne ausgekommen bin. Und plötzlich kam mir diese eine Frage in den Sinn:

Ist das Smartphone in dieser kurzen Zeit schon ein dermaßen fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden, dass es gar nicht mehr ohne geht?

Die Antwort kannte ich nicht, denn ich bin schon immer sehr interessiert an Technik gewesen und habe deshalb nie hinterfragt, ob der rasende technologische Fortschritt nicht auch seine Tücken birgt... Bis ich hier nach Sansibar kam.

Wie oft habe ich schon erlebt, dass viele Teile meiner europäisch-deutschen Lebensweise mit denen der Sansibaris kollidieren und es unmöglich ist, sich zu integrieren ohne jegliche Anpassung an die hiesigen Umstände. Ich könnte hier nun gefühlt tausende Beispiele nennen, wichtig ist nun aber jenes:

Vertraue niemals deiner Steckdose!

Nicht gerade selten komme ich nachhause zu meiner Gastfamilie, stecke mein Ladekabel an und... nichts. Wo man in Deutschland nun den Elektriker ruft oder nochmal die letzten Stromrechnungen checkt, ist hierzulande ganz einfach der Stromzähler nicht rechtzeitig aufgeladen worden. Stromguthaben läd man bei Bedarf auf und dieses wird bei mir nur am Abend etwas dringender gebraucht, um Licht zu haben in der Dunkelheit. Stundenlanger Stromausfall, in den eigenen vier Wänden, beinahe täglich. In Deutschland eine Absurdität.

Durch die gleichzeitigen Spannungsschwankungen ist mein Handy-Akku mittlerweile auch schon fast am Ende seiner Lebenszeit angelangt, was den täglichen Stromausfall umso frustierender gestaltet. Somit war die Idee geboren. Warum nicht einfach mal einen ganzen Monat ohne das Smartphone auskommen, den Laptop inklusive Internetzugang packen wir gleich mit oben drauf und dann offline durch den Ramadan.

Bevor es aber losgehen konnte, musste noch ein wenig Ersatz beschafft werden. Also besorgte ich mir noch eine einfache Armbanduhr und ein kleines Tastenhandy, um wenigstens lokal die Kommunikation beibehalten zu können. Zudem würde mir nun mehr Zeit bleiben, um einmal etwas intensiver Gitarre zu spielen und ordentlich Tagebuch zu führen.

Als es dann amtlich wurde, ich also den ganzen Elektrokram zusammen in eine Schublade schloss, kamen mir schon gleich ein paar kleine Zweifel in den Kopf. Vielleicht hatte ich mir damit ein bisschen zu viel vorgenommen, wohlmöglich würde dieser Monat sowieso schon langweilig werden und ich müsste ihn auch noch ohne Internet oder sonstige Unterhaltungsmedien überstehen.

Doch am nächsten Tag erfuhr ich zu meiner großen Erleichterung, dass ich tatsächlich einen Tag zu früh dran gewesen war. Zu spät hatte ich herausgefunden, dass die Menschen auf Sansibar nicht exakt nach dem Montkalender fasten würden, sondern sich selbst nach dem Mond richten. Natürlich blieb das Handy aus, aber ich freute mich sehr, mir am 16. Mai noch einmal richtig den Bauch vollzuschlagen. Das große Spektakel, als sich dann die heiß ersehnte Mondsichel am Horizont offenbarte, beobachtete ich sehr verwundert. Viele Leute versammelten sich und schauten gemeinsam Richtung Osten. Den Mond konnte man daraufhin eigentlich nur erahnen, aber plötzlich fingen alle an zu klatschen, zu schreien und zu singen. Alle waren am feiern, was mir etwas ironisch vorkam, denn nun würde ja einen ganzen Monat lang gefastet werden.

Tatsächlich bewies die Praxis dann aber, dass es doch funktionieren kann. Zwar war es anfangs recht schwer mit dem Hungergefühl (gerade in den Abendstunden) klar zu kommen, aber wenn dann täglich gegen 18:20 Uhr ein großes Festmal aufgetischt wurde, war die Freude am Essen natürlich umso größer.

Einen ziemlichen Rückschlag erlitt ich leider direkt am zweiten Tag, durch eine unschöne Magen-Darm-Infektion. Bei dem hohen Flüssigkeitsverlust durch die Krankheit kein Wasser zu trinken, hätte mir wohl jeder Arzt den Kopf abgerissen. Dennoch bestand meine Hoffnung, dass es mir am nächsten Tag bessergehen würde, also versuchte ich noch einen Tag durchzuhalten und siehe da, am dritten Tag ging es mir tatsächlich schon besser.

Es folgten einige Tage, in denen das Fasten langsam zur Gewohnheit heranwuchs und ich es gar nicht mehr richtig wahrnahm. Langsam entwickelte man seine eigene Technik mit der Situation umzugehen, beispielsweise, stand ich um 5 Uhr kurz auf um etwas zu trinken und noch einen kleinen Snack zu mir zu nehmen.

Wie es das Schicksal so will, fiel mit dem 24. Mai mein Geburtstag perfekt in die Zeit des Fastens und somit sollte es ein ziemlich ruhiger Tag werden. Obwohl ich keine großen Erwartungen hegte, war ich am Ende aber doch sehr positiv überrascht, wie der Tag sich ereignete. Vermutlich tat mir die Ruhe vor den gewohnten Glückwünschen per Telefon ganz gut und ich verbrachte den Tag damit, mir meine eigenen kleinen Wünsche zu erfüllen und ganz ohne Ablenkung konnte ich mich darauf konzentrieren eine wunderbare Zeit mit meinen Freunden vor Ort zu verbringen.

Den gesamten Ramadan hindurch erlebte ich immer wieder erstaunliche Momente von enger Gemeinschaft und andenklicher Stimmung, die mich entfernt sogar an die weihnachtliche Atmosphäre erinnerte. Gleichzeitig nahm ich alles viel bewusster war, hielt viele Momente in meinem Logbuch fest und las einige lang versäumte Perlen der Literatur. Allein mit Jules Vernes „20000 Meilen unter den Meeren“ oder Frank Schätzings „Der Schwarm“ verbrachte ich schon sehr viele spannende und zugleich lehrreiche Stunden, die mir den ein oder anderen Abend retteten und dem ganzen Monat ordentlich Würze verpassten.

Und irgendwann erlangte ich endlich die Erkenntnis, die Antwort darauf, weshalb ich mich auf diese Mission begeben hatte. Ich fühlte mich nicht länger abhängig von dem kleinen Computer, den ich so gewohnt war in meiner Tasche durch die Gegend zu tragen. Nun hatte ich genug erfahren, genug gefunden, womit man übrige Zeit auch anders oder sogar besser zubringen konnte, ohne dabei ständig auf ein technisches Hilfsmittel angewiesen zu sein. Natürlich ist es ein praktisches Gerät und zu vielen Zwecken eine Erleichterung, aber ich bin mir nun darüber bewusst, dass es immer eine Alternative gibt bzw. dass man auch mal abschalten kann. Einmal nicht erreichbar zu sein, ist der Schlüssel zur Selbstreflektion und somit zu sich selbst. Jeder sollte sich darüber bewusst sein, welche Medien er tagtäglich konsumiert und sich bei all der digitalen Kommunikation nicht selbst vergessen. Auch wenn es kitschig und gestellt rüberkommen mag, aber dieser Monat hat mir auf intensivste Weise gezeigt, wie aus weniger mehr wird und dass das bloße Leben manchmal schon reicht.