Ramadan: ein Monat der Erkenntnis?

Den Ramadan mal ganz anders wahrnehmen! Genau das darf ich in diesem Jahr erleben. Was habe ich daraus mitgenommen und wie verändert es meine Sichtweise bzgl. der Religion und der sansibarischen Kultur?

Stromsparendes Kochen Stromsparendes Kochen Hier werden KAIMATI von meiner Gastmama gekocht. Es handelt sich um kleine Teigbällchen, die frittiert und anschließend mit Honig überzogen werden. Super lecker und etwas ganz Besonderes für den Ramadan. Karibu chakula!!! [Foto von Lea Kleymann, Foto und alle damit verbundenen Rechte liegen bei Lea Kleymann]

Den Ramadan nahm ich in Deutschland immer nur aus der Ferne wahr. Nun bin ich aber in Sansibar und erlebe diesen Monat hautnah mit. In Sansibar sind 99% der Menschen Muslime[1], sodass der Ramadan im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens stattfindet. Auf der Straße essen oder trinken? Unangemessen! Viele Restaurants schließen in dieser Zeit komplett oder öffnen erst gegen 17:30 Uhr ihre Türen. Bis zum Fastenbrechen, dem sogenannten Iftar, kann man Essen kaufen und mitnehmen, jedoch nicht in den Lokalitäten essen. Kinder sind natürlich von dieser Regelung ausgenommen.

Zunächst muss ich festhalten, dass ich dem Ramadan mit einer gesunden Portion Skepsis gegenüberstehe. Keinerlei Erfahrung und eine Menge Vorurteile bringe ich aus Deutschland mit.

Was ist denn so schlimm am Ramadan?

Ich habe schon festgestellt, dass ich, je länger ich hier bin, der Religion und natürlich auch der Kultur mehr Akzeptanz und Verständnis entgegenbringe. Der Ramadan scheint speziell mir vor Augen führen zu wollen, dass nicht jede Kultur oder Religion sich nach westlichen Standards richtet.

Deswegen möchte ich mich mit diesem ganz besonderen Monat auseinandersetzen. Was macht ihn aus? Wie nehmen die Sansibaris ihn wahr und für was nehmen sie sich speziell Zeit? Es ist nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch der Reflektion und der Disziplin.

Am Anfang meiner Recherche finde ich einen kurzen Artikel, in dem sich Dr. Majid Hamdouchi wie folgt äußert: „Es [das Fasten im Ramadan] sei auch mit Hoffnung auf Vergebung der Sünden verbunden, solle Solidarität mit den Armen zeigen und den Körper reinigen.“ [2]

Für mich scheint es doch im ersten Moment eine herausfordernde Zeit zu werden, die auch Verzicht und vor allem mehr Zeit für die alltägliche Essenssuche bedeutet.

Zwei Einheimische aus meinem unmittelbaren Umfeld werde ich dazu befragen.

Zunächst rede ich mit meiner Arbeitskollegin Fatma. Sie arbeitet mit mir im Cultural Arts Centre Zanzibar und fastet natürlich auch. Mit ihr unterhalte ich mich häufiger, sodass wir ein relativ entspanntes, möglicherweise auch freundschaftliches Verhältnis haben. Aber was mag sie am Ramadan besonders?

Die Menschen seien netter, jeder sei ehrlich zu dir und befolge die Regeln des Koran und somit auch die von Allah. In diesem Jahr gibt es zudem einen Wetterwechsel, den sie sehr begrüße. Der Ramadan fällt in diesem Jahr in die sogenannte große Regenzeit. Eine schöne Abwechslung zum andauernden Sonnenschein. Auf die Frage, was die größte Herausforderung während des Ramadans sei, hatte sie leider keine Antwort.

Anschließend stelle ich Hamad dieselben Fragen und von ihm erfahre ich einige sehr interessante Dinge. Hamad ist der Direktor des Cultural Arts Centre Zanzibar, Künstler und Freigeist. Er liebt es Dinge zu erklären, tänzelt aber auch manchmal um die gestellten Fragen herum. Schließlich erklärt er mir, dass der Ramadan ein Segen für die Religion sei. Man faste nicht aus Eigennutz oder als Gesundheitskur, sondern wegen des Glaubens. Tatsächlich sei es keine Herausforderung, sondern eine Selbstverständlichkeit und wenn man, wie er, jedes Jahr seit über 25 Jahren faste, dann gehöre es einfach zu dem eigenen Jahressrhythmus.

Natürlich erschließen sich mir positive und negative Aspekte des Fastens. Die positiven werden gerne betont, um die negativen wird jedoch ein Bogen gemacht. Ich versuche aber auch etwas über die Herausforderungen zu erfahren. Dazu finde ich einige Stimmen im Internet, u.a. Frau Silvia Horsch.

Sie lebt und arbeitet in Deutschland und sagt Folgendes: „Der Verzicht auf Essen und Trinken ist nur die körperliche Seite des Ramadans, die andere Seite ist die seelische. Diese ist viel schwerer zu erklären und nach ihr werde ich auch nur selten gefragt. Während die Nahrung im Ramadan für den Körper reduziert wird, wird die Seele durch zusätzliche Nahrung aufgepäppelt: durch Gebete, das Lesen des Koran und Kontemplation. Für mich ist das eine Zeit, in der das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele wiederhergestellt wird, und das Wohlbefinden, das sich bis zum Ende des Ramadans bei mir einstellt, führe ich auf diesen Ausgleich zurück. Diese Erfahrung kann man aber niemandem erklären - man kann sie nur machen.“ [3] Sie gibt auch zu, dass das Fasten nicht immer einfach sei, gerade wenn man Beruf und Familie unter einen Hut bringen müsse. Die ersten Tage seien besonders schwer, da der Körper sich an den neuen Tagesrhythmus gewöhnen müsse. Wenn das aber geschafft sei, dann ist es kein Problem mehr zu fasten.

Langsam beginnt sich meine Ansicht bezüglich des Ramadans zu verändern. Es handelt sich um eine Schulung des Geistes, die auch ich - in einer sehr abgeschwächten Form - erfahre. Für mich ist es schwierig mittags zu essen, denn viele Restaurants haben geschlossen. Sonst empfinde ich beim kleinsten Anflug von Hungergefühlen direkte Stimmungseinbußen. Das ist nun meine Herausforderung: keine schlechte Laune verbreiten, weil ich nicht direkt Essen bekomme. Viele andere Freiwillige in Sansibar fasten tatsächlich auch. Sie haben sich der Kultur stärker angepasst als ich. So scheint es mir zumindest.

Hannes (DTP-Freiwilliger bei MOTO) hatte, wie ich, keinerlei Berührungspunkte mit dem Ramadan bevor er nach Sansibar kam. Für ihn ist es in erster Hinsicht eine körperliche Herausforderung. Positiv sei, dass er bereits sieben Mal zum Iftar eingeladen wurde. Der Tagesablauf ist auf das Fastenbrechen ausgelegt und jeder freue sich auf das gemeinsame Essen, bei dem sich gerne mal 25 Personen treffen. Das familiäre Zusammenleben sei zudem tiefgehender und umfassender. Das Fasten verbindet also und lässt die Gemeinschaft erstarken. Die erste Woche des Fastens sei zwar herausfordernd gewesen und der Körper habe nicht so viel Energie, aber sonst erlebe er keine Beeinflussungen, so Hannes.

Die letzte Person, die ich zu dem Thema befrage, ist Jenny (DTP-Freiwillige bei REZA). Sie hat bereits in Deutschland zweimal am Ramadan teilgenommen und möchte ihn hier aus der Sicht der Mehrheit erleben. Bestimmende Impulse für sie seien Respekt und Interesse an der sansibarischen Kultur und die individuelle Herausforderung. Es falle besonders auf, was Menschen für ihren Glauben zu tun bereit seien. Hier werden körperliche Grenzen ausgetestet und Gesellschaftsbilder durch aktive Teilnahme hinterfragt. Ein Ansporn sei außerdem die Solidarität Menschen gegenüber, die (unfreiwillig) keinen täglichen Zugang zum Essen haben. Dies dient als Reflektion über den eigenen Konsum und der individuellen und kollektiven Bedeutung von Essen im Allgemeinen. Jenny erlebe außerdem auch eine stärkere Verbundenheit mit ihrer Familie. Das Fastenbrechen schaffe eine Gemeinsamkeit, die sie nicht missen möchte. Schwierig sei es manchmal, wenn Menschen vor ihr essen oder trinken, aber ansonsten sei das Fasten an sich nicht schlimm.

Ich kann nicht sagen, dass sich meine Einstellung in den letzten Tagen von Grund auf geändert hat. Doch ich verstehe viel besser, was die Teilnehmenden bewegt und auch erleben. Dennoch kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal unter einem so enormen sozialen Druck bezüglich meines Essverhaltens gestanden habe. Ich bemühe mich, nicht zu öffentlich zu essen, denn meine Kolleginnen und Kollegen sollten sich nicht durch mich gestört fühlen. Gleichzeitig erwarte ich eine gewisse Akzeptanz mir gegenüber. Die andauernde Nachfrage, ob ich auch faste, und die Tatsache, dass nahezu alle anderen Freiwilligen dies tun, verstärkt den Druck.

Nach eingehender Auseinandersetzung mit diesem Thema bleibt mir tatsächlich nur eine Sache, die auch ein schönes Schlusswort für diesen kleinen Artikel ist.

Tu, was dir guttut! You do you!

Auch ich erlebe die positiven Veränderungen des Ramadans. Die intensivere familiäre Zeit genieße ich in vollen Zügen, jeder Abend ist wie ein Fest und auch ich erfahre Disziplinarmaßnahmen, denn meine Suche nach Essen dauert länger als sonst. Ich erlebe den Ramadan als ruhige und schöne Zeit in Sansibar und werde ihn mein Leben lang (hoffentlich) als eine solche Zeit in Erinnerung behalten. Interessant wird es im nächsten Jahr werden, wenn ich wieder in Deutschland bin. Genau dann werde ich versuchen mich an meine jetzt gewonnenen Erkenntnisse zu erinnern.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sansibar#Religion , aufgerufen am 10.06.2019 [2] https://doi.org/10.1007/s11298-016-5639-9 , aufgerufen am 10.06.2019 [3] https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/Wie-auch-kein-Wasser-Ramadan-erklaeren,horschramadan102.html , aufgerufen am 10.06.2019